Hammelburger-Album

Pogrom in Hammelburg: Am 9. November 1938 brannten in vielen Städten Deutschlands und Österreichs die Synagogen. Jüdische Häuser wurden von Sturmverbänden der SA demoliert. In Hammelburg blieb es ruhig. Die SA-Männer schlugen einen Tag später zu.

Viehhändler Adolf Stühler wurde am 10. November 1938 verhaftet und ins KZ Dachau eingewiesen.     Foto: StaatsarchivAm 10. November 1938 fand das furchtbare Geschehen des Pogroms in Hammelburg statt. Am selben Tag wurden auch Westheim, Untererthal, Dittlofsroda, Völkersleier und Oberthulba zum Schauplatz antijüdischer Ausschreitungen. Aus Dokumenten der Spruchkammer Hammelburg und der Gestapo Würzburg gehen zum Ablauf des Pogroms in Stadt und Bezirk Hammelburg folgende Erkenntnisse hervor:

Am Abend des 9. November 1938 versammelten sich die Gruppierungen der NSDAP-Ortsgruppe Hammelburg um 20 Uhr in der Turnhalle der Kreislandwirtschaftsschule in der Kissinger Straße zur Heldengedenkfeier. Im Dritten Reich wurde alljährlich am 9. November des Hitlerputsches gedacht, der am 9. November 1923 in München stattfand.

Zum selben Zeitpunkt waren in München im alten Rathaus Hitler, Goebbels und die Gauleiter des Reichs zur Heldengedenkfeier versammelt. Auch der für Hammelburg zuständige Würzburger Gauleiter Otto Hellmuth war dabei. Goebbels hielt eine Rede, in der die Gauleiter aufgefordert wurden, antijüdische Ausschreitungen in ihren Gauen anzuordnen. Nach der Rede telefonierten die Gauleiter mit ihren regionalen Gauleitungsämtern und befahlen „pogromartige Aktionen“.

Der Hammelburger SA-Sturmführer erhielt am späten Abend des 9. November bei sich zuhause den Telefonanruf. Aus Dokumenten der Spruchkammer Hammelburg geht hervor, dass dann in der Nacht der Hammelburger Pogrom geplant wurde. Die lokalen Amtsträger der NSDAP, die Bürgermeister der Gemeinden, die Ortsgruppenleiter und Ortsbauernführer erfuhren erst am Morgen des 10. November von der „Judenaktion“, als sie in Hammelburg schon zugange war.

Max Levi aus Untererthal wurde am Tag des Pogroms verhaftet. Von der Gestapo wurde er erkennungsdienstlich im Hammelburger Gefängnis auf die KZ-Einweisung vorbereitet, weil er nicht bereit war, den Gang in die Emigration zu unterschreiben. FOTO: STAATSARCHIVNach Zeugenaussagen vor der Spruchkammer begann der Pogrom in Hammelburg bereits vor 8 Uhr. Die Organisatoren, die Familienväter waren und schulpflichtige Kinder hatten, hatten den Beginn so gelegt, dass keine Schulkinder mehr auf dem Weg zur Schule waren. Der Schulunterricht begann damals um 7.30 Uhr. Um 7.35 Uhr fuhr der Lkw des SA-Trupps aus Schweinfurt in die Westheimer Straße (heute Berliner Straße) vor und hielt in der Nähe des evangelischen Pfarrhauses. Lokale SA-Männer zeigten den Auswärtigen die „Judenhäuser“. Sechs Häuser hatten sie ausgewählt, drei jüdische Häuser blieben verschont. Zu den Ausgewählten gehörten Abraham und Mali Frank (Weihertorstraße 5), Rosa Stern, Julius und Bettina Mantel (Marktplatz 8), Julius und Hannah Strauss (Kissinger Straße 17), Fanny Baumann und Samuel Sichel (Kissinger Straße 8), Adolf und Jenny Stühler (Kissinger Straße 31) und Simon Adler (Viehmarkt 6). Verschont blieben Eva Purucker (Kissinger Straße 4), Berthold Schlessinger (Bahnhofstraße) und Betty Leykauf (äußere Kissinger Straße).

„Für jedes Haus zehn Minuten“, lautete der Befehl des Hammelburger SA-Sturmführers. Zwischen 7.40 und 8.50 Uhr wüteten die SA-Schläger in der Weihertorstraße, am Marktplatz und in der Kissinger Straße. Um kurz nach 8 Uhr stürzte der NS-Bürgermeister aus seinem Amtszimmer auf den Marktplatz hinaus und stellte brüllend den SA-Sturmführer zur Rede. Dieser brüllte zurück, dass er einen Befehl „von denen da oben“ habe und Schwierigkeiten bekäme, wenn er den Befehl nicht ausführt. Um kurz vor 9 Uhr wurde der NS-Bürgermeister von einer Zeugin gesehen, wie er in Uniform gekleidet mit einem SA-Mann aus Diebach schnellen Schrittes den Viehmarkt in Richtung Synagoge überquerte. Der auswärtige und der lokale SA-Sturm hatten sich im Anwesen der jüdischen Kultusgemeinde versammelt. Es ging nun um die Frage: Wird die Synagoge angezündet? Darf in der Synagoge und in der jüdischen Schule demoliert werden?
„Die Judenfrauen mit ihren Kindern flüchteten durch die Straßen. Es war ein schauriger Anblick.“

Beate Halbritter, Zeitzeugin

Das jüdische Synagogenanwesen war bereits im März 1936 in den Besitz der Stadt Hammelburg übergegangen. Am 10. November 1938 geschah der Hammelburger Synagoge nichts. In Akten der Gestapo Würzburg ist überliefert, dass die SA in der jüdischen Schule Gegenstände beschlagnahmte: die Kasse der jüdischen Gemeinde, ein Radio und religiöse Schriften.

Ein Zeuge sagte vor der Spruchkammer aus, dass der NS-Bürgermeister um 9.10 Uhr von seinem Fahrer nach Würzburg zum Gauleitungsamt gefahren wurde. Der SA-Sturm marschierte weiter zum Viehmarkt, zum Haus des jüdischen Metzgers Simon Adler, der sich in der Nachbarschaft versteckt hatte. Der SA-Sturm stand auf dem Viehmarkt und rief im Sprechchor: „Wo ist der Jude Adler?“ Eine Nachbarin führte schließlich aus Angst, dass auch ihr Haus demoliert wird, Simon Adler auf den Viehmarkt hinaus.

Der jüdische Metzger musste sein Haus aufschließen und sich mit dem Gesicht zur Wand stellen, während die Schläger um ihn herum alles zusammenschlugen. Um 9.30 Uhr lagen sechs Judenhäuser in tausend Scherben und mit Bettfedern übersät.

Das Prekäre war: Drei jüdische Häuser, in denen die SA demolierte, waren bereits arisiert, das heißt in nichtjüdischen Besitz übergegangen: das Haus der Rosa Stern (Marktplatz 8/8a), das Haus des Julius Strauss (Kissinger Straße 17) und das Haus des Adolf Stühler (Kissinger Straße 31).

Was zwischen 9.30 und 12 Uhr mit den jüdischen Bürgern, die vom Pogrom betroffen waren, geschah, ist unbekannt. In den zerschlagenen Häusern war es kalt, weil es keine Fensterscheiben mehr gab. Ob sie Schutz fanden bei Nachbarn, ist nicht bezeugt.

Auch drei jüdische Kinder waren am 10. November vom Pogrom betroffen: Im Hause Stern am Marktplatz hielten sich zur Tatzeit die beiden Buben Norbert und Ernst Neuberger auf, die acht und zehn Jahre alt waren. Sie waren die Söhne von Frieda Neuberger, einer Tochter der Rosa Stern. Frieda packte mit ihrer Schwester Bettina Mantel gerade die Koffer zur Auswanderung in die Schweiz, als die SA das Haus stürmte. Bettina Mantel schrieb 1946 aus dem amerikanischen Exil an die Spruchkammer Hammelburg, dass sie, ihre Schwester und die Mutter mit den beiden Kindern sofort das Haus verlassen haben, als die Schläger in die Wohnung stürmten. Ihr Ehemann Julius Mantel, der sich im Geschäft aufhielt und die SA-Männer zurückhalten wollte, wurde niedergeschlagen.

Im Haus des Julius Strauss in der Kissinger Straße befand sich zum Zeitpunkt des Pogroms Ehefrau Hannah Strauss mit dem erst acht Wochen alten Sohn Benjamin. Sie rannte mit dem Kind auf dem Arm auf die Straße hinaus. „Die Judenfrauen mit ihren Kindern flüchteten durch die Straßen. Es war ein schauriger Anblick. Hinterher wollte keiner dabei gewesen sein“, hat Zeitzeugin Beate Halbritter, die mit ihrem Mann am Viehmarkt ein Kolonialwarengeschäft betrieb, in ihren „Erinnerungen an Alt Hammelburg“ festgehalten (Hammelburger Album).

Um 12.30 Uhr begann die Verhaftung der männlichen jüdischen Familienvorstände. „So viele Juden sind zu verhaften, wie Hafträume vorhanden sind“, lautete der Befehl der Gestapo. Sechs jüdische Männer wurden am 10. November 1938 ins Gefängnis abgeführt: Abraham Frank (77 Jahre), Julius Mantel (51 Jahre), Julius Strauss (64 Jahre), Samuel Sichel (87 Jahre), Adolf Stühler (59 Jahre) und Simon Adler (68 Jahre). Berthold Schlessinger wurde nicht verhaftet.

Das Gestapo-Einsatzkommando, das sich im Amtsgerichtsgefängnis niederließ, gab dem SA-Sturm die Erlaubnis, den Pogrom in sechs weiteren Orten des Bezirks Hammelburg fortzuführen. Diese waren Westheim, Untererthal, Völkersleier, Dittlofsroda und Oberthulba. Obwohl das Hammelburger Gefängnis bereits um 16 Uhr mit Juden überfüllt war, weil ganze Familien aus Untererthal und Westheim eingeliefert worden waren, fuhr der SA-Sturm bis in die Nacht des 10. November in den Landkreis hinaus, um jüdische Häuser zu beschädigen und Juden zu verhaften. Um 24 Uhr wurden die letzten Juden eingeliefert. Es waren fünf Männer aus Oberthulba.

Text: Petra Kaup-Clement
Quelle: Staatsarchiv Würzburg, Spruchkammer Hammelburg, Landratsamt Hammelburg.