Hammelburger-Album

von Norbert Binder

Im August 1945 beschlossen die Alliierten im Potsdamer Abkommen, dass alle Deutschen aus den Ostgebieten und der Tschechischen Republik, die bisher noch nicht die Flucht ergriffen hatten, auszuweisen sind. Es gab insgesamt ca. 13 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, davon ca. 3 Millionen, deren Heimat in der damals Tschechischen Republik lag.
In seiner berühmt berüchtigten Rede vom 9. Mai 1945, sagte der Tschechische Staatspräsident Benes wörtlich: „Was wir schon 1918 tun wollten, nämlich die Deutschen aus der CSR zu vertreiben, das erledigen wir jetzt“. Er verkündete die nach ihm benannten „Benesch-Dekrete“, welche unter anderem die völlige Enteignung aller Deutschen beinhalteten, sowie das Straffreiheitsgesetz für alle an Deutschen verübten Verbrechen.
Die sog. geordnete Vertreibung begann im Januar 1946, ein gutes halbes Jahr nach Kriegsende. Geordnet heißt, dass Familienverbände und Einwohner einer Ortschaft möglichst zusammenbleiben sollten.
In offiziellen Sprachgebrauch der Tschechen wurde nicht das Wort Vertreibung, sondern das Wort Abschiebung verwendet.
Es gab bis November 1946 insgesamt 1112 Transporte aus dem Sudetenland nach Bayern. Pro Person durften 30 kg Gepäck mitgenommen werden, in der Regel in einem Leinenrucksack.
Norbert Binder war beim allerersten Transport dabei, der am 25. Januar 1946 in Budweis startete. Dieser Transporte endete für ihn zunächst am Sonntag, den 27. Januar 1946 am Diebacher Bahnhof. Von dort ging die Odyssee mit einem offenen Milchauto weiter in den Saal des Gasthauses Glück nach Wartmannsroth.
Für die Einheimischen war es oft schwierig, Flüchtlinge bzw. Heimatvertriebene bei sich aufzunehmen und ihnen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, da sie ebenfalls unter den Folgen des Krieges zu leiden hatten.
Am einfachsten war es noch, in der Landwirtschaft unterzukommen, vorausgesetzt unter den aufgenommenen Familien befanden sich arbeitsfähige Männer oder Frauen.
Allen Einheimischen aus Hammelburg und Umgebung ist herzlich zu danken für die damalige Aufnahme und die Integrationsmöglichkeit in die hiesige Gesellschaft. Die Heimatvertriebenen haben diese Integrationsmöglichkeit voll und ganz wahrgenommen. Sie waren ausnahmslos arbeitswillig und strebsam.
Sie haben zum Aufbau Nachkriegsdeutschlands auch in Hammelburg einen wichtigen Beitrag geleistet. Hier in Hammelburg waren dies tüchtige Handwerker, Kaufleute, Angestellte, Beamte, Lehrer, Ärzte, Musiker und Politiker.
Der Autor erinnert an den hochverdienten langjährigen Landrat Marko Dyga, an Dr. Günter, der als Chefarzt das neue Hammelburger Krankenhaus mit aufbaute, an Ernst Kühnl, den Schulleiter der damaligen Volksschule und an Fritz-Peter Viehmann, Herausgeber der damaligen Hammelburger Heimatzeitung.
Auch in der Geschäftswelt fanden sich zahlreiche Heimatvertrieben, wie folgende Beispiele zeigen: Kaufhaus Klauda, Schuh Schmitt, Foto Hersche und Buchhandlung Weinelt, dessen Vater das erste Hammelburger Altenheim betreute.
Viele Heimatvertriebene waren in führenden Positionen bei der Stadtverwaltung und bei der Landkreisverwaltung tätig.
Auch in der Kommunalpolitik mischten die Heimatvertriebenen kräftig mit. In sechs Wahlperioden von 1948 bis 1978 schickte die eigenständige Deutsche Heimatgruppe Vertreter in den Stadtrat, wobei Ernst Kühnl in fünf Wahlperioden und Walter Klim in vier Wahlperioden mitwirkten. Weitere Vertreter im Stadtrat waren Fritz Funk, Anton Klauda und Erich Christl. Über die Parteien wirkten Marko Dyga (CSU), Anton Schmid (SPD) und Norbert Binder (CSU).

Das Ostdeutsche Heim auf der Saaleinsel (1957 – 1991)

Ostdeutsches-Heim-1Der kulturelle Mittelpunkt aller Heimatvertriebenen, vor allem der Sudetendeutschen, war das Ostdeutsche Heim auf der idyllischen Saaleinsel, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Herrenmühle.
Viele freiwillige Helfer der Sudetendeutschen Landsmannschaft, an ihrer Spitze Leopold Schmitt, Anton Klauda, Josef Binder und Martin Reidinger bauten 1957 aus den Liegenschaften des Internierungslagers eine Baracke ab und begannen mit deren sofortigen Wiederaufbau.
Die Sudetendeutsche Landsmannschaft zählte damals im Altlandkreis Hammelburg über 1000 Mitglieder, so dass die Errichtung einer eigenen Heimstätte allgemein begrüßt wurde.
Ostdeutsches-Heim-2Nach und nach erfolgte die Ausgestaltung  der Räume mit einem ca. 100 Sitzplätze fassenden Saal.
Die feierliche Eröffnung geschah am 27.9.1958. Alt- und Neubürger begingen gemeinsam den Tag  der Heimat auf der Saaleinsel.
Eingeleitet wurde der Tag mit Gottesdiensten in den beiden Kirchen und einer Gedenkfeier am Kreuz der Heimatvertriebenen auf dem Friedhof. Dieses Kreuz mit seiner ansehnlichen Gedenkstätte wurde 1950 errichtet und 2005 restauriert.
Nach dem Heimattreuemarsch durch die festlich geschmückten Straßen der Stadt sprachen auf der Kundgebung Landrat Adam Kaiser, die Vizepräsidentin des Bundestags Dr. Marie Probst und als Festredner Staatssekretär Alfons Goppel. Ein reichhaltiges kulturelles Programm schloss sich an .
Ostdeutsches-Heim-3Nach und nach erfolgten die weitere Ausgestaltung der Räume, neben den zirka 100 Sitzplätze fassenden Saal mit Vorraum, erhielt das Heim noch weitere 4 Räume: Kanzlei, Archiv, Bibliothek und einen Abstellraum (Herr Voh).
In und um das Ostdeutsche Heim herrschte dann mehr als drei Jahrzehnte ein reges Leben.
Leopold Schmitt, damaliger Kreisobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft,  hielt zuerst abends, dann auch tagsüber Sprechstunden ab, erteilte seinen Landsleuten Ratschläge und half beim Ausfüllen von Anträgen. Er war der Motor und die Seele des Heimes.
Die Bezeichnung Ostdeutsches Heim wurde dem Gebäude gegeben, weil es eine Begegnungsstätte aller Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und der einheimischen Bevölkerung war.
Faschingstreiben im Ostdeutschen HeimFaschingstreiben im Ostdeutschen HeimDer gemischte Chor, unter seinem langjährigen Chorleiter Herbert Mauermann fand hier Unterkunft und Geborgenheit, es fanden Familientreffen und monatliche Heimatstunden statt, zur Faschingszeit war Jubel, Trubel, Heiterkeit in allen Räumen zuhause, der Mütter gedachte man in Maiheimatstunden, Erntedank und Kirchweih wurden gefeiert, es gab stilvoll in heimatlicher Tradition gestaltete Advents- und Weihnachtsfeiern – und bei allen diesen Veranstaltungen wirkten immer der gemischte Chor sowie Jugend- und Kindergruppen mit.
Viele glanzvolle Höhepunkte sind zu nennen. Zu erinnern ist hier an die Tage der Heimat im Herbst, die in und um das Heim veranstaltet wurden, so z.B. 1966 mit Bundesverkehrsminister Dr. Seebohm , MdL Walter Zeßner, Bgm. Karl Fell und Landrat Adam Kaiser. Es kamen auch in den späteren Jahren der bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel und Staatsminister Walter Stain.
Es gab auch eine sehr aktive Sudetendeutsche Jugendgruppe, die von Gerhard Hortig geführt wurde.
Nach dem Tod der meisten aus der alten Garde führten vor allem Ernst Schimurda und das Ehepaar Martin und Beatrix Reidinger die Tradition des Heimes fort.
Die finanziellen Belastungen, wie Pachtzins, Versicherungsgebühren, Abbruch des Ostdeutschen HeimesUnterhaltungskosten, anstehende Reparaturen und notwendige Erneuerungen sowie die stark zurückgehende und alternde Mitstreitergruppe zwangen die Vorstandschaft notgedrungen das liebgewordene, traute Ostdeutsche Heim Anfang der 90-er Jahr aufzugeben.