Hammelburger-Album

Die Auswirkungen der Inflation 1923 auf das Waisenhaus der von Hess'schen Stiftung in Hammelburg

Die Kosten des 1. Weltkrieges und die hohen, dem deutschen Reich auferlegten Reparationen erzwangen einen ständig wachsenden Druck von Geldnoten. Der steigenden Geldmenge stand kein ausgleichendes Warenangebot gegenüber. Als Folge dieses Ungleichgewichts wurden die Waren immer teurer. Die finanzielle Unterstützung der Ruhrbevölkerung durch das Reich beschleunigte noch die Inflation:
Im Januar 1923 kostete der Dollar 17 972 Mark, im August 4 620 455 Mark und nur drei Monate später 4,2 Billionen Mark. ( 4 200 000 000 000)

Welche Folgen die Inflation für das Waisenhaus der von Hess’schen Stiftung in Hammelburg hatte, schildert der folgende Brief der Oberin an die Brüder Gößmann in Amerika sehr anschaulich.


Diesen Brief hat uns Herr Werner Gößmann, ein Cousin des Adressaten, zur Verfügung gestellt.

 


 

Werter Herr Gößmann!                                           Hammelburg, 10. 8. 23


Gedrängt durch die Not der Zeit, komme ich bittend an Sie und an Ihren Bruder Adolf, dass Ihr bei guten Leuten die Not der von Hess’schen Waisenanstalt mitteilt und um eine Gabe bittet. Wenn nicht einige Deutsch-Amerikaner, gebürtige Hammelburger, der Anstalt den Dienst getan, hätten die armen Waisen in ihre Heimatgemeinden geschickt werden müssen. Die Ausgaben  für Nahrung allein sind enorm und steigen täglich; Schuhe unbezahlbar, die flicken wir selbst.

Für Wäsche und Kleider zu sorgen ist ganz unmöglich. Sehr notwendig brauchen die Kinder Schulkleidung. Einfacher Druckstoff kostet das mtr (Meter) schon viele Tausend; es langt nicht für den Mund.

Nehmt mir diesen Jammerbrief nicht übel. Zur Friedenszeit wussten wir in der Anstalt nichts von Not. Alle Privatleute, die von Zinsen leben müssen, sind sehr bedürftig. Frl. Tremer gestand mir unter Tränen: Wir waren reich und jetzt, wenn uns ein früheres Dienstmädchen nicht aus Amerika (Geld? Sachwerte?) schickte, fehlte es am Notwendigsten.

Verzeiht mir diesen Jammerbrief. Nehmt unsere herzlichen Grüße entgegen. Gott schütze Euch allzeit! Dies unser tägliches Gebet für Euch.

M. Berta Hörtensteiner, Oberin der Hess’schen Waisenanstalt