Hammelburger-Album

Das Haus Schilling am Marktplatz 14

Bis ins späte 19. Jahrhundert befand sich das heutige Haus Schilling  am Marktplatz 14 im Besitz der jüdischen Familie Katz. Um ca. 1880 erwarb Moses Straus, geboren 1853 in Dittlofsroda, das Katz´sche Geschäftshaus "nächst dem Gasthof Engel".

Moses Straus war verheiratet mit Karoline Hamburger. Sieben Kinder wurden dem jüdischen Ehepaar geboren, darunter Julius Straus (geb. 1887), der die Hammelburger Lateinschule besuchte und ab 1902 in Höchberg eine Ausbildung zum jüdischen Lehrer absolvierte.  1914 trat Julius Straus in Hammelburg-Westheim die Planstelle eines jüdischen Volksschul- und Religionslehrers an. Er wurde auch Gemeinderat in Westheim und war maßgeblich verantwortlich für die Trassenführung der 1919 begonnenen Bahnstrecke Hammelburg - Bad Kissingen. 1924 wurde die jüdische Volksschule in Westheim aufgelöst. Julius Straus verzog mit seiner Familie nach Nürnberg, wo er 1930 verstarb.

Vater Moses Straus führte das Geschäft am Marktplatz bis 1926. Man konnte dort Accessoires für die feine Garderobe kaufen: Schuhe, Stiefel, Regenschirme, Sonnenschirme, Hüte, Mützen, Schals, Handschuhe, Kragen und Krawatten. Am 22. November 1926 verstarb Moses Straus im Alter von 73 Jahren. Haus und Geschäft gingen in den Besitz der Tochter Ella (geb. 1897) und des Schwiegersohnes Kurt Steinkritzer über, der aus Parchim (heute Neubrandenburg) stammte. Drei Kinder kamen zur Welt: Horst Steinkritzer (geb. 1925), Margot Steinkritzer (geb. 1926) und Klaus Steinkritzer (geb. 1929). Der Vater verließ Frau und Kinder 1928 und zog nach Frankfurt a. M.

Im Dezember 1928 verkaufte Ella Steinkritzer Haus und Geschäft am Marktplatz 4 an Georg und Anna Schilling (geb. Merz), die das Geschäft weiterführten. Die alleinstehende jüdische Mutter zog mit den Kindern in das jüdische Gemeinde- und Schulhaus in die Dalbergstraße (damals Judengasse), wo sie von der jüdischen Gemeinde betreut und unterstützt wurde. 1937 kamen die Kinder in das jüdische Waisenhaus nach Esslingen. Nach der Reichspogromnacht musste Ella Steinkritzer Hammelburg verlassen. Sie und zwei ihrer Kinder wurden deportiert und Opfer des Holocaust. Horst Steinkritzer gilt bis heute als verschollen.

Das Geschäft Schilling am Marktplatz 4, das als "Korb-Schilling" bekannt wurde und wahrscheinlich Ende der 1930er Jahre die Hausnummer 14 erhielt, wurde 1968 nach einem Umbau erheblich erweitert. Die Abteilung Kinderwagen wurde durch Hinzunahme von Kinderbekleidung bis 14 Jahre und Umstandsmoden zu einem Rundum-Geschäft für "Mutter und Kind" umgestaltet. Nach dem Tod von Georg Schilling im Mai 1970 übergab Anna Schilling Haus und Geschäft an Sohn Heribert Schilling, der es zusammen mit Ehefrau Sieglinde, geb. Hannawacker, bis 31. Dezember 1997 weiterführte.

(Quellen: Heribert Schilling, private Dokumente; Volker Rieß, Katalog zur Ausstellung; Cornelia Binder und Michael Mence, Nachbarn der Vergangenheit)

Moses Straus Margot und Horst Steinkritzer links in der ersten Reihe des Fotos  (Aufnahme im Garten der jüdischen Schule in der Dalbergstraße) eine der  ersten Tankstellen in Hammelburg Korbwarengeschäft  Schilling