Hammelburger-Album

Salchbier eroberte die Herzen der Weintrinker


Die Brauerei Salch im Jahr 1935Stolz prangt immer noch der Schriftzug „Brauerei Salch“ auf dem Turm in der Hammelburger Rot-Kreuz-Straße. Er erzählt vom Glanz vergangener Zeiten. Von der 120-jährigen Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens Salch, die 2007 zu Ende ging. Sebastian Salch, der Ururenkel des Gründers, nutzte die traditionsreiche Familiengeschichte zum Schreiben seiner Facharbeit in Geschichte/Sozialkunde.

Nüchtern klingt der Titel: „Die Brauerei Salch in Hammelburg – Die Geschichte einer unterfränkischen Brauerei“. Farbig hingegen sind die Schilderungen der Blütezeit der Brauerei und die menschlichen Hintergrundgeschichten, die der Schüler vom Frobenius-Gymnasium in seiner Arbeit festhält. Beispielsweise über den belgischen Kriegsgefangenen Karl Leroj, der 1941 der Brauerei als Arbeitskraft zugeteilt wurde.
Ihn musste der damals zehnjährige Alois Salch, der Großvater von Sebastian, täglich morgens um fünf Uhr vom Gefängnis abholen. Vielleicht lag damals schon ein Segen über dem Gemäuer, das jetzt zum Pfarrzentrum umgebaut wird. Denn im Laufe der Kriegsjahre wurde das Verhältnis immer freundschaftlicher.

 Der zehnjährige Alois Salch (links) und der belgische Kriegsgefangene Karl Leroj im Sudhaus.Kriegsgefangener als Gau(l)leiter
Der Belgier saß mit am Tisch der Familie Salch und übernachtete auch im Haus. „Das gefiel allerdings den Parteifunktionären der NSDAP nicht besonders“, erfuhr Sebastian von seinem Großvater. Eine Anekdote über Karl Leroj macht auch heute noch die Runde bei Familienfeiern, erzählt Sebastian, auf denen natürlich immer noch Salchbier getrunken wird.
Als gegen Ende des Krieges das Benzin ausging, wurde das Bier wieder mit der Pferdekutsche ausgefahren. Der Belgier ernannte sich zum „Gau(l)leiter“, denn er holte stets das Zugpferd von der damaligen Spedition Schneider ab. Die Verbindung zwischen den Familien Salch und Leroj riss auch nach Kriegsende nicht ab. Fotos dokumentieren zahlreiche Freundschaftsbesuche.

Wenig Bildmaterial und Aufzeichnungen gibt es hingegen vom Gründer der Brauerei, Johann Salch, der 1863 in Löffelstelzen bei Mergentheim geboren wurde. 1886 zog er von Würzburg nach Hammelburg. Der ausgebildete Brauer und Mälzer erwarb eine Gaststättenkonzession, obwohl ihm seinerzeit die Behörde abriet. Die Einwohner Hammelburgs seien nicht besonders kaufkräftig, außerdem würden sie viel lieber Wein statt Bier trinken, hieß es.
Doch Sebastians Ururgroßvater Johann ließ sich nicht beirren. Gemeinsam mit seiner Frau Maria, die zuvor im Würzburger Gasthaus Stachel als Küchenhilfe arbeitete, kaufte er 1887 das Anwesen von dem nach Amerika auswandernden Metzger Simon in der Oberen Gasse, der heutigen Kissinger Straße. Kurz ließ Johann sich das Bier für seine Wirtschaft von der Felsenbrauerei liefern. Aber es entsprach nicht seinem Geschmack und so braute er bald im städtischen Brauhaus seinen eigenen Gerstensaft.

Die Frau von Xaver Goth (1. Bierfahrer); mit ihr betrieb er im Sommer die  Gartenwirtschaft.Sein Salchbier erfreute sich rasch großer Beliebtheit. Auch die leckere Hausmannskost von Maria Salch lernten die Hammelburger schätzen. Die Gaststätte florierte, tagaus tagein war die Wirtsstube gut gefüllt und bald orderten auch andere Gaststätten das Bier vom Salch.
Folge war, dass Johann Salch 1889 seine Gaststätte um ein Brauhaus erweiterte. 1892 baute er einen eigenen Eiskeller. Damals schlugen Tagelöhner im Winter Eisschollen aus der gefrorenen Saale, um im Sommer das Bier zu kühlen. Glänzende Umsätze bescherten die Folgejahre.
Das Fass zum Überlaufen brachte die Eröffnung des Truppenübungsplatzes 1894, die Hammelburger Schankwirtschaften waren fortan mit Soldaten überfüllt. Die Nachfrage nach Salchbier stieg und Johann Salch investierte in neue Technik. 1897 kaufte er sich den ersten Dampfmotor, um die Maische automatisch zu rühren und die Produktion zu steigern.

Sudhaus und Gartenwirtschaft´Frauen der Familie Salch in den 1930er Jahren vor der Brauereigaststätte in der Kissinger Straße
1898 vergrößerte sich das Familienunternehmen erneut. Am damaligen Stadtrand, am Rothen Kreuze, in der heutigen Rot-Kreuz-Straße, ließ Johann Salch 1898 einen Eiskeller und mehrere Lagerkeller errichten. 1905 folgte der komplette Umzug der Brauerei in die Rot-Kreuz-Straße. Ein neues Sudhaus wurde gebaut und eine Gartenwirtschaft eröffnet, die Babett Goth bewirtschaftete. Ihr Mann Xaver Goth war einer der ersten Angestellten der Brauerei. Damals beschäftigte die Brauerei Salch alleine vier Bierfahrer.
Das waren Männer mit Muskelkraft, denn sie mussten Kisten und Fässer ohne Hilfsmittel hieven und ausfahren. „Nicht selten betrug die Wochenarbeitszeit bis zu 60 Stunden“, ermittelte Sebastian. „Zahlreiche Gaststätten, Baustellen und das Lager Hammelburg mit dem Truppenübungsplatz wurden damals täglich angefahren, manchmal sogar zweimal am Tag“, stellte Sebastian erstaunt anhand der Aufzeichnungen von Anna Salch, der ältesten Tochter von Johann Salch, fest.

Familienfoto von 1935: (von links) Anna Salch, Maria Salch, Lisa Müllerklein (geb. Salch), Maria Salch (geb. Zürlein), Hans Salch, Josefine Lapp (geb. Salch) und Mathilde Müßig (geb. Salch).1926 starb der Brauereigründer. Bevor sein Sohn Hans die Brauerei 1931 übernahm, leiteten Johanns Witwe Maria und nach ihrem Tod vier ihrer Töchter die Brauerei und Gaststätte. Denn Hans kam anfangs nicht als Erbe in Frage. Er ehelichte nämlich Hildegard Marterstock. Und die war evangelisch. Damals ein gesellschaftlicher Affront.

Das erste Kind der beiden war ihre Tochter Marianne. Erst die Geburt des Sohnes Alois, Sebastians Großvater, rehabilitierte Hans und er durfte die Brauerei übernehmen. Hans Salch brachte die Familienbrauerei über die harten Kriegsjahre.
Mit Beginn des Krieges 1939 wurden die Rohstoffe immer knapper. Es mangelte an Malz (der Seele des Biers), an Hopfen (der Würze) und an Hefe (dem Geist). Weil aber noch genügend Wasser (Körper des Biers) vorhanden war, entstand das Dünnbier, das statt 12 Prozent Stammwürze nur noch eins bis zwei Prozent enthielt.

Preisliste auf dem Jahre 1950 von Braumeister Karl Nötig geschrieben

Für wirtschaftlichen Aufschwung sorgte die Währungsreform 1948. „Danach wurde es wieder selbstverständlich, ein Feierabendbier zu trinken“, recherchierte Sebastian.
Die Umsätze stiegen und Sebastians Urgroßvater Hans investierte in die Werbung. Etliche, damals pfiffige Slogans, die der Hammelburger Grafiker Eugen Weiß entwarf, locken heute ein Schmunzeln hervor. Beispielsweise die Winterwerbekampagne „Wenn Flocken sinken – Salchbier trinken“.

Ein Teil der Belegschaft der Brauerei Salch anno 1935 (von links): Braumeister Ruppert Dietl, Thomas Gastl sowie Xaver Goth und Adam Frank Belegschaft vor Lagerfässern

Sebastians Großvater, Diplom-Braumeister Alois Salch, übernahm die Brauerei 1954 nach dem frühen Tod seines Vaters Hans. Mit Ehefrau Maria leitete er 53 Jahre die Brauerei und den späteren Getränkevertrieb. Zwischen 1957 und 1962 half das Unternehmerehepaar rund 30 Gaststätten und Vereinen, ihre Gasträume neu einzurichten. 1963 schlossen sie die Gartenwirtschaft, um ein Wohnhaus für sich und ihre drei Kinder neben der Brauerei zu bauen. 1968 schulterten sie den Umbau des Sudhauses.

Hier kann man Arbeiter beim Sudhausumbau von 1968 sehen Arbeiten an der Ausleuchtstation in der Flaschenfüllerei in den 60er Jahren

1963 siedelte die Firma Temco in Hammelburg an. Für die betriebseigene Kantine bestellte das Unternehmen Salchbier und „irgendeine Limonade“, erfuhr Sebastian im Gespräch mit seinen Großeltern und seiner Großtante Marianne. Der Limonadenverkauf wurde fortan das zweite Standbein der Brauerei Salch. Anfangs bezog man die Limo aus Offenbach von der Kaiser-Friedrich-Quelle.


Umsatzhoch in den 1990er Jahrenalt
Später in den 1980er Jahren als die Biernachfrage drastisch sank, fingen Alois und Maria Salch an, Limonade selbst herzustellen. Die Brausegetränke Cola-Mix, Zitrone und Orange wurden Verkaufsschlager. „Zu Beginn der 1990er Jahre wurden die höchsten Umsätze in der 120-jährigen Geschichte der Brauerei Salch erzielt“, fand Sebastian heraus. Bis zu 13 Mitarbeiter waren in den besten Zeiten mit der Produktion und Auslieferung beschäftigt.

Haushalte, Gasthäuser, Vereine und Festorganisatoren gehörten zu den Kunden. Besonders stolz war man auf die Ausbildung von Gesellen. Zwei Lehrlingen pro Jahr ermöglichte die Brauerei den Start ins Berufsleben. Gut in Erinnerung sind noch einige Bundes- und Landessiege, die der Nachwuchs der Brauerei einfuhr.Der Verdrängungswettkampf in der Branche machte aber auch vor der Brauerei in Hammelburg nicht halt. Doch den guten Ruf des Bieres hatte auch das Hochstiftliche Brauhaus in Fulda erkannt. Dessen Brauerei in Motten übernahm das Bierrezept und braut es seit 1996 bei der Will Bräu in Motten weiter.

Auslieferung mit Pferd: der erste Bierfahrer der Brauerei Salch, Xaver Goth. Auslieferung mit LKW

Vertrieb und Auslieferung für den Raum Hammelburg übernahm bis 2007 das Unternehmerehepaar Salch. Dann verabschiedeten sich Alois und Maria Salch in den Ruhestand. Den Getränkevertrieb hat nun ein ehemaliger Mitarbeiter übernommen.


Heutige AnsichtHeute wohnt der 21-jährige Sebastian mit seinen Eltern und seinem Bruder in der Wohnung über der einstigen Brauereigaststätte in der Kissinger Straße, die 1970 verpachtet wurde und 1995 ihre Pforten schloss. Wenn Sebastian aus dem Haus geht und den Kopf ein wenig hebt, blickt er immer noch auf das nostalgische Werbeschild „Gaststätte Brauerei Salch“.

Note Eins auf Facharbeit
Weder Sebastians Vater noch dessen zwei Geschwister wollten die Brauerei übernehmen. „Vielleicht hätte ich mich darauf eingelassen“, sinniert der traditionsbewusste Spross aus der einstigen Brauereidynastie.
Doch die Frage stellt sich ihm nicht mehr. Sebastian hat sich entschlossen Politikwissenschaft zu studieren, aber zuvor hat er in seiner FacSebastian Salch mit seinen Großeltern, Alois und Maria Salchharbeit ein Stück Hammelburger Stadtgeschichte und ein Stück Familiengeschichte aufgearbeitet. Übrigens wurde seine Facharbeit mit 13 Punkten, das heißt einer Eins, bewertet.



Hintergrund
Während im übrigen Bayern das Bierbrauen und Trinken im 15. Jahrhundert begann, startete Hammelburg erst Anfang des 17. Jahrhunderts durch. Die Hammelburger löschten ihren Durst mit Wein. Erst ein schlechtes Erntejahr bescherte einem Wirt namens Brösler enorme Umsatzsteigerungen bei seinem selbst gebrauten Gerstensaft. Einmal auf den Geschmack gekommen, übertrieben es die Hammelburger jedoch gleich. Am zweiten Osterfeiertag 1615 kam es zum Eklat. Vor dem Gottesdienst betranken sich zahlreiche Hammelburger in Bröslers Wirtschaft. Das rief den Oberamtmann auf den Plan, der den Wirt zur Rede stellte, „wer ihm solches Brauen und Ausschenken geheißen hätte“. Die Folgen waren existentiell: Brösler bekam Bierbrauverbot.

Die Brauereigeschichte wurde erst 1628 weitergeschrieben. Weil Frostschäden fast die komplette Weinernte vernichteten, veranlasste die Stadt ein Städtisches Brauhaus zu bauen. Jetzt konnte jeder, der ein Braurecht besaß, seinen eigenen Gerstensaft brauen. Der erste selbstständige Brauer der Stadt Hammelburg war Johann Baptist Schüßler. Er errichtete 1839 die Brauerei Felsenkeller neben dem Kloster Altstadt. 48 Jahre später begann die Erfolgsgeschichte der Brauerei Salch.

Von Main-Post-Mitarbeiterin Angelika Silberbach

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Weitere Bilder:
Kopie des orginalen Bauplans von 1903 Brauereifahrzeuge in den 30er Jahren Eisgerüst

Ansicht 1935 Die Mitarbeiter der Brauerei Salch, die während des 2. Weltkrieges eingezogen wurden Der belgische Soldate Karl Leroj


Das Bild zeigt den Flaschenkeller um 1970 Die Flaschenwaschmaschine in den 80er Jahren Sudhausumbau 1968


alt Ansicht 1985 Die im Zuge des Sudhausumbaus von 1968 erworbene Sudpfanne

Wir danken Sebastian Salch, der uns seine Facharbeit und alle Fotos zur Verfügung gestellt hat!