Hammelburger-Album

Die Truhe mit dem Kasperle war das Markenzeichen der „Spieltruhe Jung“.Schachteln aus schlechtem Karton, verblichene Druckfarben und handgemachte Spielsteine – in den wenigen erhaltenen Spielen aus der „Spieltruhe Jung“ in Morlesau steckt ein spannendes Stück Nachkriegsgeschichte. In Morlesau bei Hammelburg entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine kleine Spielefabrik, die beinahe richtig groß geworden wäre – aber das Schicksal wollte es anders. Bei Sammlern sind noch ungefähr zehn verschiedene Spiele im Umlauf. Wie viele wirklich im Programm der „Spieltruhe Jung & Co.“ waren, lässt sich kaum mehr feststellen, denn es gibt keine Unterlagen mehr aus dieser Firma, die ungefähr drei Jahre lang produzierte. Nur durch Befragungen vor Ort und mit einigen Archivalien aus dem Staatsarchiv Würzburg ließ sich die Firmengeschichte einigermaßen rekonstruieren.

 

Eine Idee kommt nach Morlesau
Der Anzeigenkaufmann Leo Krimmer aus Frankfurt am Main (Jahrgang 1911) brachte 1943 während eines Fronturlaubs seine Familie mit drei Kindern nach Morlesau an der Fränkischen Saale, um sie vor einem Angriff auf Frankfurt zu schützen. Als er 1945 aus der Gefangenschaft zurückkehrte, hatte er eine ungewöhnliche Idee im Gepäck: sofort und an Ort und Stelle verschiedene Brett- und Würfelspiele herzustellen und zu vertreiben.
Hier in der Morlesauer Str. 15 wohnte die Familie von Leo Krimmer während ihrer Zeit in Morlesau.Leo Krimmer setzte seine Ideen schnell und zielstrebig um, mitten in Morlesau und mit wenig Investitionen. Bereits im Frühjahr 1946 hatte er die ersten Lizenzen bekommen. Der behördliche Schriftverkehr für sämtliche Genehmigungen zog sich bis 1947 hin.  Nach den ersten „Testmustern“ lief die Produktion sicher schon vorher an – mit den damaligen Mitteln und Verhältnissen eine abenteuerliche Angelegenheit. Papier war rationiert, Farbe nur eingeschränkt erhältlich, Maschinen sowie Verkehrs- und Transportwege zum Teil noch vom Krieg zerstört. Kein Problem war die Beschaffung von Holz und menschlicher Arbeitskraft – Leo Krimmer wurde gefragter Arbeitgeber.
 
Arbeit für Einheimische und Vertriebene
Der Schreiner Ernst Dittmeier im Nachbarort Michelau lieferte die rohen Spielsteine aus Holz. Sie wurden dann in Morlesau oder dem nahen Ochsenthal poliert, gebeizt, goldgeprägt oder per Hand mit Schablonen bemalt.  Die Kartons bezog die „Spieltruhe“ von der Firma Stabernack in Offenbach, eine Hammelburger Druckerei (vermutlich Seipel)fertigte die Anleitungen. Studienrat Karl Brandler aus Hammelburg und seine Kunstschüler halfen mit, Spielefelder und Verpackungen zu entwerfen. Leerstehende Säle oder Scheunen in Morlesau und Ochsenthal dienten anfangs als Produktionsstätte. Kilian Köhler aus Morlesau übernahm die Transporte zwischen den einzelnen Arbeitsschritten mit seinem Pferdefuhrwerk.
Bei Josef Möhler in der alten Gastwirtschaft, heute Morlesauer Str. 7, gab es einen leer stehenden Tanzsaal, in dem Spielsteine für Leo Krimmers Firma geprägt oder bemalt wurden.  In dieser Scheune hinten im Hof dieses Hauses in Ochsenthal wurden Spielsteine in einer alten Getreidebeiztrommel bearbeitet.  Auch in der alten Schule in Ochsenthal gab es Produktionsräume für die Spieltruhe Jung. Hier wurden bearbeitete Spielsteine verpackt.
An Maschinenausrüstung nennt ein Behörden-Antrag aus dem Jahr 1947: zwei Folienprägepressen, Polier- und Schleifeinrichtungen, eine Feinkreissäge. Not machte auch erfinderisch: eine alte Getreidebeiztrommel wurde umfunktioniert für die Bearbeitung der Spielsteine.
Die Truhe mit dem Kasperle war das Markenzeichen der „Spieltruhe Jung“.Ungefähr 25 fest Angestellte und  bis zu 70 Heimarbeiter aus dem näheren und weiteren Umkreis, darunter viele Heimatvertriebene, arbeiteten für die „Spieltruhe Jung & Co.“ Der Name Jung stammte von der mitbeteiligten Schwiegermutter von Leo Krimmer, Sophie Jung (geb. 1881). Leo Krimmer durfte aufgrund eines schwebenden Spruchkammerverfahrens noch keine Firma gründen. Das Logo mit der Truhe und dem Kasperle entwarf Malermeister Willi Behr aus Saarbrücken, der damals auch in Morlesau wohnte.
 
 
 Die Spieltruhe kommt gut an
Eine Auswahl der in Morlesau produzierten Spiele. Trotz der einfachen Materialien der Nachkriegszeit sind sie erstaunlich gut erhalten.
Die Spiele bereicherten den anfangs noch spärlich ausgestatteten Markt und fanden guten Absatz. Spielzeug war in den Nachkriegsjahren rar. In seinen Anträgen hatte Leo Krimmer das Firmensortiment als „Unterhaltungsspiele mit dem Schwergewicht auf pädagogischen Spielen“ bezeichnet. Leo Krimmer organisierte den Vertrieb in allen westlichen Besatzungszonen und konnte sich dabei auch auf Verlagsvertreter stützen, die in Stuttgart, München, Mainz oder Frankfurt tätig waren.
 
 
Lehrreich und unterhaltend
„Astron“ war das teuerste und aufwändigste Spiel aus der „Spieltruhe Jung“. Es ähnelt dem chinesischen Mah Jong.Zu den ersten Produkten gehörten wahrscheinlich das „Domino“, das „Tier-Domino“, das Rechenspiel „Zahlenknirps“ und das Würfelspiel „Volle Sieben“. Nach einem Werbeprospekt gab es noch das Würfel-Quiz „Was weißt Du?“, das Solitärspiel „Solo“, das Legespiel „Das goldene Handwerk“, das Stäbchenspiel „Bunterlei“ und das Balance-Kreiselspiel „Hinein“. Als neues Unterhaltungsspiel kam das etwas kompliziertere „Astron“ dazu, das dem chinesischen Mah Jong ähnelte. Es war mit ca. 20,—DM (nach der Währungsreform) das teuerste Spiel, denn es war aufwändig hergestellt und die Spielsteine mussten mit vielen Zeichen und Bildern aus Schablonen bemalt werden. Die anderen Spiele kosteten nach dem Prospekt zwischen 0,50 DM („Hinein“) und 2,75 DM („Tierdomino“).
 „Sollten Sie nach allzulanger Zeit noch immer keine Lösung gefunden haben, so genügt notfalls eine Freimarke und wir senden Ihnen die Lösung zu.“ Ein kundenfreundliches Angebot – leider gab es die Firma selbst nicht „allzulange“!Die Spiele waren für Kinder und Erwachsene geeignet und überwiegend einfach zu spielen – bis auf „Astron“. Das bunte Sortiment förderte Rechenkünste, Denkvermögen und Allgemeinbildung. Leo Krimmers Hoffnung, dass die Spiele Eingang in den Schulunterricht finden würden, erfüllte sich aber nicht.
 
 
 
Das jähe Ende
Auf diesem Holzlagerplatz jenseits der Bahnlinie in Morlesau stand die Baracke der Spieltruhe Jung & Co., die im Herbst 1948 abbrannte.Die Geschäfte entwickelten sich gut und Leo Krimmer kaufte nach einiger Zeit auch eine ausgediente Baracke aus dem Kriegsgefangenenlager Hammelburg, die als Lager, Büro und zum Teil zur Produktion diente. Die Umsätze florierten und im Herbst 1948 war das Lager gut gefüllt für das Weihnachtsgeschäft. Da läutete eines Tages die Feuerglocke. In der Baracke war durch einen Sägemehlofen ein Feuer ausgebrochen und vernichtete einen Großteil der Produktion. Schlagartig waren alle Hoffnungen zerstört: die Spieltruhe Jung & Co. hörte auf zu existieren. Leo Krimmer kehrte zurück nach Frankfurt und nahm seine alte Tätigkeit in einem Verlag wieder auf.
 
Ein Werbeprospekt der Spieltruhe Jung. Die Preise sind in DM angegeben, er stammt vermutlich aus der Zeit nach der Währungsreform 1948. Im Herbst 1948 endete die Firmengeschichte jedoch schon wieder. 
 
Die andere „Spieltruhe“
Viele Jahre später, in den 1960er Jahren, tauchten neue Spiele in modernerem Design auf, die das kleine Logo mit dem Kasperle in leicht veränderter Form trugen: nun erschienen Truhe und Kasperl  zusammen mit zwei Würfeln auf der Verpackung. Bekannt sind bisher „hasch hasch“, „ruck zuck“,  „der bunte pipifax“ und „color“. Von den alten Spielen erschien „Die volle Sieben“ anscheinend in einer Neuauflage. Diese Spiele wurden vermutlich von der „Spieltruhe Nöll KG“ herausgegeben. Ein Schwager aus einer neuen Eheschließung von Leo Krimmer soll diese Firma betrieben haben. 1964 existierte in Weißkirchen bei Oberursel im Friedhofsweg die „Spieltruhe Weißkirchen“, 1965 wurde sie abgemeldet. Weitere Einzelheiten über diese Firma sind bisher nicht bekannt. Der „bunte pipifax“ erschien in jeweils erneuertem Design danach noch bei „Pestalozzi“ und „Windele“. Die Geschichte der Spieltruhe Jung & Co. in Morlesau aber endete jedenfalls im Jahr 1948 – noch bevor das „Wirtschaftswunder“ richtig begonnen hatte.
Erich Hutzelmann/Christine Schormayer