Hammelburger-Album

Ein besonderer Liebhaber Diebachs – seiner „Herzensheimat“, ist der Düsseldorfer Horst-Dieter Schuster, der nicht nur den Wein und die Rhöner Atmosphäre genießt sondern den Franken gern auch auf’s Maul schaut. Denn gegen Kriegsende war Schuster als Kind einige Jahre zu Gast in dieser Region, weil seine Geburtsstadt Düsseldorf damals ausgebombt war.

Hier eine seiner Erinnerungen:

Die Hundslehrerin

Die Jahre der Evakuierung nach Diebach (Hammelburg/ Unterfranken) mit meiner Mutter waren längst vorbei, doch wir gönnten uns Jahr für Jahr eine Fahrt dorthin, weil die Bindung an dieses romantisch verklärte Dorf sehr stark war. Es gab die Menschen, ihre Sprache, die Naturschönheit und die Gerüche, welche sich in unsere Erinnerung eingegraben hatten. Immer wieder einmal drang die Erzählung meiner Mutter von der im Ort so bezeichneten „Hundslehrerin“ an mein Ohr, die sie damals noch persönlich kennen gelernt hatte. Diese Pädagogin war eine Volksschullehrerin an der Zwergschule von Diebach, deren ausgeprägte Vorliebe es war, sämtliche Hunde in der Umgebung mit ihrer Barmherzigkeit zu überschütten und zu versorgen. Solch ein Spitzname entschlüpft dem Volksmund bekanntlich rasch. Und was habe ich damit zu tun? —  Nichts.

Aufgemerkt (frei nach dem fränk. Kabarettisten Barwasser): Ich habe während der Evakuierungszeit bis etwa 1946 dort lediglich den Kindergarten besucht. Mit Abschluss.

Diese Vorgeschichte hat allein den Zweck zu erklären, welche Metamorphose die so genannte Hundslehrerin durchgemacht hatte. Wieder ein paar Jahre strichen durchs Land. Meine Mutter hatte erfahren, dass die Lehrerin längst nicht mehr in Diebach wohnte und in ein Nachbardorf verzogen war. Um an frühere Erinnerungen anzuknüpfen, fasste meine Mutter den Entschluss, ihr einen Besuch abzustatten. Beide machten wir uns auf den Weg und landeten auf einem Bauernhof, der schon seit langem ihr Wohnsitz war. Ihre Unterkunft lag im ersten Stock des Bauernhauses, die wir über eine Stiege erreichten. Die Frau öffnete uns die Tür, und wir wurden mit zögerlichem Erkennerblick in die Einzimmerwohnung hereingebeten.

Mir war die meiner Mutter bekannte Person völlig fremd, da ich ja nur von ihr gehört hatte. Spontan beschlich mich eine Beklommenheit. Es wurde uns kein Platz angeboten. Den Entschluss, uns zu setzen, fassten wir selbst. Die alte Frau machte auf uns einen geistesabwesenden Eindruck, der unsere Unsicherheit noch vertiefte.

Auf dem Tisch lagen stapelweise Zeitungsexemplare, die ihr Verfallsdatum längst überschritten zu haben schienen. Unseren Blicken blieb auch nicht verborgen, dass an den neben uns herunterhängenden Gardinen einige Mäuschen auf- und abturnten. Der Schauder lief mir weiter den Rücken hinunter, als mein Blick zu dem in dem Wohnraum stehenden Bett wanderte, wo sich auf dessen Kissen und Plumeau scharenweise Mäuschen tummelten. Kein Wunder, so drängte es sich mir auf, denn die süßen Kreaturen wurden ja auch aus Konservendosen versorgt, die mit leckerer Marmelade angefüllt, auf dem Fußboden verteilt waren.

Ich glaubte mich im falschen Film und stellte mir bibbernd auf dem Stuhl sitzend vor, die anhänglichen Tierchen könnten mir jeden Moment zur Begrüßung die Hosenbeine von innen hoch kriechen. So entschloss ich mich kurzfristig, die überaus gastliche Stätte — ohne meine Mutter — vorzeitig zu verlassen. Trotz der durch die entbehrungsreichen Kriegsjahre in ihr gewachsenen Widerstandskraft, konnte sie dennoch Verständnis für meine entschlossene Kapitulation aufbringen, blieb dafür selbst aber in stoischer Ruhe und bewundernswerter Unbeugsamkeit hocken, um sich von der alten Dame nicht so abrupt zu trennen. Nachdem ich die Stufen hinuntergeklettert war, dauerte es keine Ewigkeit mehr, bis auch meine Mutter sich verabschiedete und dasselbe tat. Die Ironie der Geschichte: von der Hundslehrerin zur Mäuse …

Horst-Dieter Schuster, 23.02.2010