Hammelburger-Album

Badefreuden

Wir hatten auch eine Badeanstalt, genannt Badschule. Das war die Saale unterhalb des Spielplatzes. Zuerst war sie auf der Insel, dann auf der rechten Seite. Es standen da ca. 5 kleine Holzhütten, nicht mehr als 2 qm groß, aneinandergebaut. Da zogen sich die Mädchen um. Die Männer besorgten das im Freien.

Vor der Wässerung wurde die Saale oberhalb Hammelburg gestaut. Dann war im Bad nur wenig Wasser und die Gelegenheit wurde benutzt, um den Saalegrund von Glasscherben und anderem angeschwemmten Unrat zu säubern. Wenn dann die Wässerung in Hammelburg einsetzte, trat die Saale über die Ufer und die Wiesen wurden überschwemmt. Dort tummelten sich dann die Nichtschwimmer. Das Wasser auf den Wiesen war sehr warm und Brutstätte für Tausende von Schnaken, die am Abend auf die Menschheit losgingen. Es war unmöglich, sich abends im Freien aufzuhalten.

Zum Schwimmen war es in der Saale ideal. Wir schwammen von der alten Saalebrücke, wo die Waschfrauen ihre Wäsche auf dem Bleichrasen aufgelegt hatten und immer wieder gossen und auf den Lühbrücken ausspülten, durch blühende Seerosen bis hinunter zum Wehr. Ganz Mutige wagten es vom Pfaffenhäuser Steg aus. Der Steg besteht leider nicht mehr. Die Benutzung des Bades incl. Kabine kostete für den ganzen Nachmittag 20 Pfg. Trotz der Not waren wir zufrieden und genossen die kleinen Freuden.

Arbeitsalltag
Wir hatten zuletzt 6 Millionen Arbeitslose. Eine Familie mit Kindern bekam wöchentlich fünf Mark Unterstützung. Doppelverdiener durfte es in keiner Familie geben.

Die Männer, sofern sie Arbeit hatten, fuhren morgens um 5 Uhr mit der Bahn nach Schweinfurt. Manche arbeiteten auch am Sodenberg im Steinbruch. Sie gingen morgens zu Fuß hin und am Abend wieder zurück, nach einem Tag harter Arbeit. Ein Fahrrad konnte sich kaum jemand leisten. Auch am Sonntag wurde allgemein den ganzen Tag gearbeitet.

Für viele Familien war neben der kleinen Landwirtschaft die einzige Einnahmequelle der Weinberg. Sobald der Most gärte, wurde er als Federweißer ausgeschenkt. Dies geschah in den Heckenwirtschaften. Im Erdgeschoss wurde das Wohnzimmer ausgeräumt, Tische und Bänke aufgestellt, und ein Tannenwedel über der Haustüre zeigte an, dass die Wirtschaft eröffnet ist.

Es dauerte einige Wochen, bis die Ernte abgesetzt war. Danach konnten die Rechnungen in den Geschäften bezahlt werden. Es wurde seinerzeit viel ins Buch geschrieben (d.h. angeschrieben). Der Schoppen kostete 15 Pfg. Als Brotzeit gab es Kuhkäse. Der war manchmal arg bitter. Es war aber immer sehr fidel in den schummrigen Stuben. Die Kloverhältnisse waren schlimm.

Die Nazis
Ab 1923 begann die Zeit, in der die Nazis versuchten, an die Macht zu kommen. Es begannen die großen Wahlkämpfe. Zuletzt wurde in immer kürzeren Abständen gewählt, manchmal zweimal im Jahr. Jedes mal bekamen die Nazis mehr Zulauf, je aussichtsloser die Lage wurde. Es war eine aufregende Zeit.

Die Alliierten ließen den Deutschen keine Möglichkeit. Fabriken waren als Reparationskosten abmontiert worden, das Geld durch die Inflation wertlos geworden. Es war trostlos. Hitler wäre nicht an die Macht gekommen, wenn sie uns Lebensmöglichkeiten gelassen hätten.

Der Tag der Machtergreifung kam. Es sah zuerst alles gut aus. Jeder hatte Arbeit, alle konnten sich satt essen. Es herrschte Disziplin. Die Jungen mussten zum Arbeitsdienst, die Mädchen nach Schulabschluss ein Pflichtjahr im Haushalt machen. Vorher konnte niemand eine Lehrstelle antreten.

Allmählich ließen die Nazis die Maske fallen.

Bei der Machtübernahme wurden viele Anhänger der Bayerischen Volkspartei (BVP) interniert.

Kirche
Der Kampf gegen die Kirche und den Klerus trat jetzt offen zu Tage.

Die Fronleichnamsprozession durfte nicht mehr durch die Kissingerstraße ziehen, sondern musste durch unsere Straße und am Johannes den Altar aufbauen.

Spitzel der Partei gingen die Straße durch und registrierten, wer seine Häuser geschmückt hatte und wer seine blau-weiße Fahne aufgezogen hatte.

Die Vogels Peppi, Besitzerin des Gasthauses „Krone“ (heute Kupsch), ging da immer auf ihren Dachboden. Wenn die Prozession von der Kirchgasse ankam, schob sie schnell ihre Fahne zur Dachluke raus, hielt sie solange fest, bis die Prozession ab Spital weiterzog, dann holte sie die Fahne schnell wieder zurück, damit sie nicht verraten wurde. Die Spitzel waren erst nachher unterwegs.