Hammelburger-Album

Der Futtermangel zwingt die Bauern zu Notverkäufen

Von Ende April an stieg auf dem Viehmarkt von Schweinfurt das Angebot an Rindern und Schweinen; die Preise gaben langsam nach. Die norddeutschen Viehgroßhändler warteten ab. Nur kräftige und junge Tiere konnten zum alten Preis verkauft werden. „Geringe Ware war wegen der herrschenden Futternoth fast nicht verkäuflich und mußte weit unter Preis abgegeben werden.“

Dieselbe Tendenz war auf den kleinen regionalen Viehmärkten zu beobachten. In Hammelburg war das Geschäft mehr als flau, „weil der eigentliche Viehhandel wegen Futternoth gänzlich darniederliegt und sich das ganze Geschäft auf den geringen Bedarf in Schlachtvieh beschränkt. Rinder und Schweine gingen im Preise ganz erheblich zurück“. Zur gleichen Zeit war in Schweinfurt nur noch „Export-Waare“ gesucht, „und hoch im Preise, schöne schwere Zugochsen. Dagegen war Schlachtvieh selbst besserer Qualität günstig zu kaufen.“ Am 14. Juni „sanken außer für schöne schwere Thiere die Preise so tief, wie noch niemals. Kühe spottbillig, es wurden Stücke um 50, 30, ja selbst 20 Mark losgeschlagen“. Für Ochsen 1.Qualität wurden immerhin noch 1072 - 1148 gezahlt. „Die äußerst niedrigen Preise, selbst für schöne Stiere, veranlaßten die norddeutschen Käufer, auch diese in großen Parthien aufzukaufen und das war gleichsam noch ein Glück, denn ohne den Aufkauf zur Ausfuhr wäre kaum ein Käufer zu finden gewesen, da in den umliegenden Gauen alles verkaufen will und Niemand kaufen kann. Leider wird durch diesen nothgedrungenen Massenverkauf - es wird fast kein Kalb zur Aufzucht zurückbehalten, alle werden selbst zu Spottpreisen verkauft - der schöne Viehstand in hiesiger Gegend derart dezimirt, daß daraus für die nächsten Jahre die schlimmsten Folgen entstehen werden.“.

Wirtschaftliche Folgen für Hammelburg

Im Dezember 1890 hatte Hammelburg (2889 Einwohner) einen Viehbestand (1892) von 789 Rindern und 478 Schweinen. Die Stadt allein, ohne Ortsteile.

Am 1. Dezember 1893 ergab die Viehzählung für Hammelburg 129 Rinder und 63 Schweine weniger als im gleichen Monat des Vorjahres. Im ganzen Amtsbezirk nahm der Viehstand um 2653 Rinder und 1885 Schweine ab. Die langsame Steigerung des Mastviehbestandes im vorausgegangenen Jahrzehnt um 905 Rinder und 1026 Schweine war zunichte gemacht.

Über den Gänsemarkt in Schweinfurt am 21. Juni heißt es im Journal, er sei so stark wie ein Martinimarkt bestellt gewesen. Der Futter- und Geldmangel auf dem Lande zwang die Bauern, schon jetzt ihr Geflügel zu verkaufen. „Die Preise stellten sich sehr niedrig auf 1 - 1,30 Mk, für ganz schöne Gänse auf 1,50 Mk pro Stück.“ Das entsprach genau dem Preis für ein großes und ein kleines Päckchen „Rattentod“ in der Drogerie.

Preisanstieg auf dem Getreidemarkt

Auf dem Getreidemarkt beobachten wir die entgegengesetzte Entwicklung. Am 22.April ist trotz gewachsener Nachfrage eine Preissteigerung noch nicht eingetreten, „da noch große Vorräte lagern und die Wintersaaten durch die anhaltend große Trockenheit und Nachtfröste bis jetzt noch nicht gelitten haben, im Gegentheil noch sehr schön stehen“.

Dann aber ziehen die Preise an: bis Anfang Juli für Weizen pro 100 Kilo von 16 Mark auf 17,75, für Roggen von 13,60 auf 15,75, für Hafer gar von 14 auf 20 Mark. Der Preisanstieg verschärfte die Not der Bauern, deren geringe Erlöse aus dem Viehverkauf vielen einen Ankauf von Futtermitteln unmöglich machte.     

Die Preise des Heus, meldet Ebern, „haben eine exorbitante Höhe erreicht: der Zentner kostet 5, 6, 7, ja 10 Mark, wenn solches überhaupt noch zu haben ist. . . Der Klee, der jetzt gemäht werden sollte, ist nicht handhoch und steht da ein armseliges Büschchen und dort wieder eines“.

Laubverfütterung

„Die Wiesen sind wie versengt; wie kann da der Bauernstand sein Vieh durchbringen? Er schneidet das Getreide ab und füttert damit. Und im Herbste hat er nichts. Es wäre ja so zu Grunde gegangen, also verfüttert. In dieser schweren Noth bleibt nichts anderes übrig, als Laub zu füttern und wimmeln deßhalb unsere Gemeindewaldungen von Laub zupfenden Kindern und Erwachsenen, die in Säcken das wirklich gute und auch nahrhafte Futter emsig nach Hause schleppen

Die Not breitet sich aus

Die Not beschränkte sich nicht auf die Landbevölkerung. In Lohr verzichteten die Aktiven des Gesangvereins schweren Herzens auf ihr Vorhaben, Ende Juli das 50jährige Stiftungsfest zu feiern: „Die durch die anhaltende Dürre stetig zunehmende Noth in vielen Bevölkerungskreisen, die selbstverständlich in zunehmender Weise auch einen empfindlichen Rückgang für alle Geschäfte zur Folge hat, ist . . Veranlassung geworden, die Unterlassung der mit großen Kosten verknüpften Feier ins Auge zu fassen

Pachtkosten für Wiesen steigen

Am 3. Juni informierte der Hammelburger Magistrat die Leser des Journals durch Inserate, daß am 5. und 12. Juni städtische und Stiftungswiesen öffentlich verpachtet würden, ein bedeutsames Ereignis bei der wachsenden Futternot. Pro Morgen brachte die Verpachtung 80 - 120 Mark, fast das doppelte der Einkünfte in anderen Jahren. Ein späterer Bericht ergänzte, „daß für einzelne bessere Wiesen bis zu 175 Mark Pacht pro Morgen erzielt wurden, also fast der dreifache Betrag der früheren Durchschnittspreise“. Für manche Pächter müssen diese hohen Kosten ein kaum noch tragbares finanzielles Opfer gewesen sein; aber die Alternative dazu war, Vieh zu Spottpreisen zu verkaufen. Verständlich deshalb die Überlegung, die damals heftig diskutiert wurde: „Wäre es angesichts solcher Thatsachen nicht geradezu nothwendig, daß sich die Milchproduzenten über Erhöhung der Milchpreise einigen? Recht und Billigkeit einer Preiserhöhung wird wohl niemand absprechen können“.

Selbstmord aus Verzweiflung

Anfang Juni war für einzelne Landwirte das Elend buchstäblich nicht länger tragbar: „In Wiesenthal bei Lengfeld hat sich am 1. Juni ein Landwirth, weil er sein Vieh nicht mehr zu ernähren vermochte, aus Verzweiflung erhängt“. Vierzehn Tage später meldet das Journal, daß sich in der Gegend von Ebern in kurzer Zeit drei Bauern aufgehängt haben, „da sie durch die herrschende Futternoth den Untergang ihres ganzen Hausstandes befürchteten und geistesgestört wurden“