Hammelburger-Album

An guten Ratschlägen fehlt es nicht

Jetzt spätestens drängt sich die Frage auf: Hat denn niemand diesen armen Menschen geholfen?

Die billigste Form der Unterstützung sind gute Ratschläge, doch selbst sie ließen auf sich warten. Ein „landwirtschaftlicher Sachverständiger“ verbreitete sich so enthusiastisch über den Nutzen von Kunstdünger, der in den verschiedensten Zusammensetzungen für jede Art von Boden und Pflanze Verbesserung verspreche, daß seine geschäftlichen Interessen unübersehbar sind.

Mitte Juni wurde aus München „darauf aufmerksam gemacht, daß die südafrikanischen Bauern das Fleisch zu Zeiten des Fleischüberschusses für knappere Zeiten zu konservieren verstehen. Sie schneiden dasselbe gleichlaufend  mit den Fasern in zolldicke Streifen, die sie in Salz rollen, alsdann in der Sonne aufhängen und trocknen . . . bis es eine unserem Rauchfleisch ähnliche Konsistenz erhält“.

Als Futtermittelersatz empfahl das „Hammelburger Journal“ Reisfuttermehl. „Dasselbe muß mit kaltem Wasser angerührt, dann aber alsbald mit siedend heißem Wasser gebrüht und tüchtig gerührt werden“, keine leichte Zubereitung. Das Blatt ergänzte mit diesem Rezept ein Inserat des Hammelburger Kaufmanns A. Schmal: „Prima Reisfuttermehl - zu äußerst billigem Preise“.

Gleichzeitig wurde „von vielen Seiten auf die neue Futterpflanze, die Waldblatterbse, hingewiesen, die . . . auch bei trockenstem Wetter reiche Futtererträge liefert“. Sie sei „die Pflanze der Zukunft, durch die jede Futternoth beseitigt wird“. Die des Jahres 1893 hat sie nicht beseitigt, nicht einmal gelindert.

Nachbarschaftshilfe

Es gab auch Nachbarschaftshilfe. Nur ist, wenn es allen schlecht geht, ein hilfsbereiter und zur Hilfe fähiger Nachbar schwer zu finden. Aber es gab sie: Albertshausen erhielt aus dem Gemeindevermögen eines Nachbarortes „ein Kapital von 20 000 Mark zu creditiren, da bei all’ derartig schweren Zeiten die Selbsthülfe vor Allem zuerst eingreifen müsse. In Albertshausen (ist) die Futternoth so groß, daß wenn nicht alsbald Abhilfe getroffen (wird) selbst das Anspannvieh abgeschafft werden müßte“.    

Als großzügiger Helfer gehört auch der Herzog von Meiningen erwähnt: „ . . . in Folge der Futter-noth (hat er) angeordnet, daß von seinen 600 Hirschen 400 abgeschossen werden und . . . die Abgabe von Futterersatz aus dem Walde und Streu genehmigt . . . Zugleich spendete derselbe 30 000 Mark zur Abhilfe des Futtermangels“.

Laubfutter

Im Laubfutter sahen die Bauern einen brauchbaren Heuersatz. Nach Meinung eines Forstamtes sol-len „120 Kilogramm Laubfutter . . . 100 Kilogramm mittlerem Wiesenheu gleichwertig sein“. Am 27. Mai wurde vom königlichen Staatsministerium der Finanzen „die Abgabe von Streu, Streusurrogaten und Gräsern auf geräumten Schlägen, unbestockten Flächen etc. und die Gestattung der Waldweide im Interesse der Landwirthschaft thunlichst erleichtert“.

Aber so ganz wollte der Staat auf das Geschäft mit der Waldstreu nicht verzichten. Als das Kreiskomitee des landwirtschaftlichen Vereins in Würzburg die kostenlose Abgabe von Waldstreu forderte oder doch wenigstens eine Ermäßigung auf 50 Pfennig pro Raummeter, verstand sich Vater Staat nur auf eine Preisreduzierung von 40 %, von 1,90 Mark auf 1,10 Mark. Das von der Regierung selbst gewünschte Entgegenkommen schloss nicht aus, daß eifrige Waldaufseher, wie nahe dem von der Not besonders gebeuteltem Albertshausen, „den armen Leuten das gesammelte Laub abgenommen und in einer Scheune (zu Aura) hinterlegt“ haben, „wo es sehr bald verfaulte, während zu Hause (in den Ställen) das Vieh vor Hunger brüllte“.

Klagen der Forstleute

Manchmal scheinen auch Bauern auf der Suche nach dem begehrten Futter im Walde des Guten zuviel getan zu haben. Forstämter klagten, daß die „aus den Waldungen gewährten Nutzungen in einer höchst rücksichtslosen, die Bestände ohne jeden dringenden Grund schädigenden Weise ausgeübt werden“. Und wie aus dem Spessart gemeldet wurde, konnte das „Grasen“ im Walde unberechenbare Nebenwirkungen haben: „Unter der Sichel fallen auch alle Beersträucher, so daß die heurige Ernte in Erdbeeren und Heidelbeeren gleich Null ausfallen wird“.

Dass die Übergriffe der verzweifelten Bauern weit verbreitet gewesen sein müssen, zeigt das Gnadengesuch, das der 1. Vorstand des Fränkischen Bauernbundes, Freiherr Carl von Thüngen, im August an Seine kgl. Hoheit den Prinzregenten gerichtet hat, „um eine allgemeine Amnestie für alle wäh-rend der Dauer der Futternoth wegen Futter- und Streufrevel Gerügten zu erwirken“.

Die Laubentnahme aus den Wäldern traf auch auf Bedenken allgemeiner Art. Forstleute waren der Meinung, „der Wald brauche das, was er produziere, zu seiner eigenen Ernährung“. Dagegen behauptete ein Leserbrief an die „Aschaffenburger Zeitung“, daß Untersuchungen im Badischen zu dem Ergebnis geführt hätten, Waldungen entwickelten sich dann am schönsten, wenn ihnen häufig das Laub entnommen würde. Schon wenige Tage später wurden diese „Erfahrungen . . . in schärfster Weise“ zurückgewiesen. Dieser Schreiber, wohl ein Förster, sieht das genaue Gegenteil für erwiesen an, kommt aber zuletzt zu dem ausgewogenen Urteil: „So ungern der Forstwirth die Waldstreu, diesen natürlichen Dünger unseres Waldes und hochwichtigen Faktor seiner Erhaltung, abgibt - im heurigen ausgesprochenen Nothjahr bietet er bereitwillig die Hand dazu, denn der Wald ist nicht Selbstzweck, sondern er soll dem Wohl der Menschen dienen, soviel er kann“.