Hammelburger-Album
Auch der Thurm der Pfarrkirche wurde von den Flammen ergriffen, brannte ab, vier schöne große Glocken schmolzen, und der Barmherzigkeit Gottes verdanken wir es, dass die schöne Pfarrkirche selber verschont blieb; denn der brennende Thurm stürzte auf die Straße, und nicht auf die Kirche. Auch das Schulgebäude brannte nieder, das Pfarr­haus blieb verschont. Im Augenblicke der Gefahr und Verwirrung hatten wir alles, was wir beweg­liches werthvolles hatten, in unsere Keller gebracht, und glaubten es so gerettet; aber unsere Häuser stürzten zusammen wir vermochten nicht, die brennenden Balken hinwegzuräumen, und so kam es daß am zweiten, dritten vierten Tage nach dem allgemeinen Brande unsere Keller mit dem ganzen Inhalte ausbrannten. Wir hätten freilich noch manches retten können, wen wir mehrere Thore oder Ausgänge aus der Stadt gehabt hätten; denn das obere Thor und das Weihersthor waren wegen des Feuers ungangbar, nur das Niederthor war noch offen; es. wurden in Folge dessen noch vier Oeffnungen durch die Mauer gebrochen. Viele aus uns kamen nur mit dem nackten Leben davon und hatten als Vermögen das Kleid, das sie am Leibe trugen, und Viele von uns wohnten von nun an den ganzen Sommer, und viele auch noch den kommenden Winter über in den Kellern.
 
Dem lieben Gott sagen wir Dank, denn er schickte uns durch die Wohlthäter vielfache Unterstützung, so daß die erste und größte Noth gelindert war. Wir mussten nun daran denken, unsere Wohnungen wie­der aufzubauen, das war eine schwere Aufgabe für uns; denn es kostete, weil so viele bauten, der gewöhnliche Taglöhner 45 kr: (fünfundvierzig Kreu­zer) den Tag; der Maurer vierundfünfzig Kreuzer bis einen Gulden; der Zimmermann ebensoviel; der Steinhauer einen Gulden und zwölf Kreuzer; die Ruthe Stein zu 400 (vierhundert bayer. Kubikfuß zwanzig Gulden. Doch Gott half uns bauen und darum ging das Werk voran, und wir wohnen jetzt, ein und ein halb Jahr nach dem Brande wieder alle in unsern Häusern.
Bemesset nun, ihr späten Enkel und Nachkommen, welche harte Zeit wir eure Vorältern durchlebt haben.
 
Das Mauerwerk des Kirchthurmes hatte beim Brande gelitten, und einen großen Riß erhalten; wir liesen ein Stockwerk Stein abbrechen und neu aufbauen, und gut verschlaudern, am 1. October 1855 wurde die Arbeit begonnen, am 16. November beendigt; das Fachwerk, die Pyramide von Holz steht nun auch wieder auf dem Thurme; der Thurm kostet uns 4000 (vier Tausend) Gulden.
 
Heute am 25. November 1855 haben wir ein großes Freudenfest. Der Hochwürdigste Herr Bischof von Würzburg Georg Anton von Stahl begab sich aus Liebe zu uns hieher, und weihte heute unsere vier neuen Glocken, die Meister Pustelli in Aschaffen­burg neu gegossen hat; sie kosten uns 6000 (sechs Tausend) Gulden.
 
Das Rathhaus wollten wir wieder in solcher Weise herstellen, daß es für den Markt und die Stadt eine Zierde werde; wir haben desshalb geeignete Voran­schläge anfertigen lassen und diese stehen auf 19000 (neunzehn Tausend) Gulden. Erwähnen müssen wir noch, daß das Rathhaus in seiner ursprüng­lichen Form einen sehr hohen Giebel hatte; dieser blieb beim Brande stehen, denn er war von Stein aufgeführt; es hatten diese jedoch beim Brande so gelitten daß einige Monate darnach ein heftiger Sturmwind den Giebel umstürzte. Zum Glücke ging kein Menschenleben dabei verloren.
Die Lateinische Schule hier, die zur Zeit aus 4 Klassen besteht, war seit ihrer Gründung mit dem Spitale vereint, doch soll sie jetzt auf Befehl der Königl. Regierung mit den deutschen Schulen in einem Gebäude vereinigt werden. Zur Zeit haben wir 4 Schulen hier; nämlich 2 Knaben- und 2 Mädchen­schulen und 4 Lehrer. Die Mädchenschulen sollen den armen Schulschwestern anvertraut werden, und wird im neuen Schulhausbaue geeignete Abtheilung für ihre Aufnahme eingerichtet. Der Schulhausbau ist im Voranschlage auf 33000 Gulden angesetzt.
 
Unsere Stadtkasse hatte vor dem Brande noch 20000 fl (Zwanzig Tausend Gulden) Schulden. Durch diese Neubauten sind wir genöthigt, noch 70000 fl aufzu­nehmen; und auch ihr, späte Nachkommen habt auf diese Weise noch an den Folgen des uns getroffe­nen Unglückes zu tragen.