Hammelburger-Album

 Die Bekanntmachungen

Beide Bekanntmachungsbücher besitzen als Buchdeckel starke Pappe, mit schwarzem Papier überzogen, und haben einen marmorierten Schnitt. Der Rücken und die Ecken sind mit Moleskin verstärkt. Sie sind noch gut erhalten.

1. Lehrer

1.1 Die Schulleitung

 Es war Aufgabe des Schulleiters, dieses Bekanntmachungsbuch zu führen. Irgendeine Einleitung fehlt. Lapidar steht auf der Seite 1:
Bekanntmachungen, Schuljahr 1934/35 begonnen am 19.6.34“ (I, 1)

 1.1.1 Hauptlehrer Ludwig Müller

Der erste Eintrag wurde von ihm am 19.6.1934 vorgenommen. Wie aus den losen Blättern hervorgeht, war er nicht Schulleiter; vielmehr verwaltete er die Geschäfte des Schulleiters mehrere Jahre (lB 29.4.38). Der Wortlaut dieser ersten Bekanntmachung lässt den Einfluss der Nationalsozialisten auf die Schule schon eineinhalb Jahre nach der „Machtergreifung“ sehr deutlich spüren:

 „An sämtliche Lehrpersonen, einschließlich der Herren Rel.Lehrer zur Kenntnis und Unterschrift: Lehrer, einschl. d. Rel.Lehr. und Schüler (Schülerinnen) erweisen einander innerhalb und außerhalb der Schule den deutschen Gruß (Hitler Gruß.) Der Lehrer tritt zu Beginn des Unterrichts vor die stehende Klasse u. grüßt als Erster, indem er den rechten Arm erhebt u. dabei die Wort „Heil Hitler“ spricht. Die Klasse erwiedert (sic!) den Gruß in d. gl. Weise. Am Schlusse der Unterrichts wiederholt der Lehrer den deutschen Gruß vor der stehenden Klasse. Diese antwortet in gl. Weise. Sonst grüßen die Schüler u. Schülerinnen die Lehrer nur durch Erheben des rechten Armes in angemessener Haltung. Wo bisher der Kath. Rel.unterricht mit dem Wechselspruch „Gelobt …“ “In Ewigk…“ begonnen u. beendet wurde, ist der deutsche Gruß zu Beginn der Stunde vor, am Ende nach dem Wechselspruch zu erweisen.

Vorstehende ministerielle Bekanntmachung, die auf Anordnung der Bay. Schulbhörde Nr.3217 andurch erfolgt, habe ich zur Kenntnis genommen:

(Unterschriften)                                     Müller“


Diese Anweisung war sehr detailliert verfasst und ließ keine Unklarheiten aufkommen. Offensichtlich aber wurde diese detaillierte Verfügung in Hammelburg nicht so ganz genau genommen. Am 4. Oktober 1935 steht nämlich zu lesen:

„Es besteht Veranlassung

1. auf die Seite 1 dieses Buches und

2. darauf hinzuweisen, daß sämtliche Lehrpersonen, einschließlich der Religionslehrer beider Konfessionen sich in u. außer der Schule von den Schülern mit dem deutschen Gruß haben grüßen zu lassen.

Darüber sind sofort sämtliche Schüler zu belehren, besonders aber die Kinder aus dem Waisenhaus. Laxheit in dieser Hinsicht vonseiten der Lehrer u. Lehrerinnen könnte sonst als „Mißachtung des deutschen Grußes ausgelegt werden.     Müller

Hammelburg 4. Okt. 35
Kenntnis genommen und die Kinder darüber belehrt
(Unterschriften“)  (I, 64)

Daraus folgt, dass die Missachtung des deutschen Grußes ein schwerwiegendes Vergehen war. Interessant ist der gezielte Hinweis auf das Waisenhaus. Dieses wurde nämlich von Ordenschwestern geleitet, Franziskanerinnen, die dem herrschenden Regime ablehnend gegenüberstanden, was dem Schulleiter nicht verborgen bleiben konnte, und die ihre Waisenkinder kaum zum „Hitler-Gruß“ anhielten. Aus diesen und weiteren Formulierungen des Schulleiters lässt sich leicht erkennen, dass er nicht nur amtliche Verordnungen in Erinnerung brachte, vielmehr ist auch seine eigene staatstreue Gesinnung zu erkennen.

„Kolleginnen und Kollegen! Eine Verfügung des Volksbildungsministers in Thüringen Pg Wächtler, früher thüringischer Volksschullehrer, in der er die Lehrer verpflichtete, für den Eintritt der gesamten Schuljugend in die Staatsjugend nachdrücklich einzutreten, kann auch für uns Vorbild sein.

Die Schulleitung bittet deshalb sämtliche Kolleginnen und Kollegen alles zu tun, um die letzten noch abseits stehenden Knaben und Mädchen für die Staatsjugend zu gewinnen. In besonders schwierigen Fällen wird persönliche Verbindung mit den betr. Eltern empfohlen.

         „Unser Ziel ist 100 % baldigst Partei und Staat melden zu können.“ [Anm. rot unterstrichen]

                                                                                        Heil Hitler“ (I, 63)


Neunmal enden Müllers Schreiben mit dem „deutschen Gruß“, einmal formuliert er „im Sinne … unseres großen Erziehers Adolf Hitler“ – Adolf Hitler als großer Erzieher! Wenige Jahre später erinnerte man sich nur mit Grauen an seine Taten. – Jedenfalls erscheint der damalige Schulleiter Müller als ein Mann, der nationalsozialistische Gedanken in der Schule nicht behinderte, ja sogar eifrig gefördert hat. Noch lebende Zeitzeugen bestätigen diese Vermutung.


Wie Herr Anton Ruppert Herrn Lehrer Karl-Heinz Maul berichtete, wurde auf ihn vom Schulleiter starker Druck ausgeübt, da er zu den sonntäglichen Diensten der Staatsjugend nicht erschienen war. Diese waren perfiderweise genau während der Gottesdienstzeiten angesetzt. Da besuchte Ruppert aber mit seiner Familie den Sonntagsgottesdienst. Diesen Einsätzen der Staatsjugend konnte er wie viele seiner Altersgenossen schließlich dadurch entweichen, dass er alternativ zur Feuerwehr-HJ ging. Dort war die starke ideologische Indoktrination nicht anzutreffen. Dienst war hier erst nach dem Sonntagsgottesdienst.


1.1.2 Schulleiter Rektor Philipp Feser


Am 29.4.1938 steht in den erwähnten losen Blättern:


Wechsel in der Schulleitung

Durch Regierungsentschließung von 25.4.38 wurde der Lehrer Phl. Feser zum Leiter der Volksschule in Hammelburg ernannt, als Stellvertreter Lehrer R. Kamm. Die Einführung des neuen Schulleiters nahm unter Anwesenheit sämtlicher Lehrkräfte, der Schulgemeinde, des Ortsgruppenleiters der NSDAP des Vertreters des Bürgermeisters und der HJ-Führer Herr Bezirksschulrat Keßler im Lehrerratszimmer der hiesigen Volksschule am 4. Mai vor.

Bezirksschulrat Keßler führte den neuen Schulleiter Lehrer Feser in sein Aufgabengebiet ein, dankte Hauptlehrer Müller, der bisher die Geschäfte des Schulleiters verwaltet hat, für seine ersprießliche und uneigennützige Arbeit und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der neuernannte Schulleiter in kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit den Lehrkräften der hiesigen Volksschule seine ganze Kraft einsetzt zum Wohle der Schule und der deutschen Jugend.“ (lB)

Anton Ruppert bemerkte dazu: „Herr Feser erschien meist in Uniform in der Schule.“ Es wäre gewiss interessant zu erfahren, weshalb Müller nicht einmal Stellvertreter des Schulleiters wurde, dieser brave Parteisoldat. Altersgründe könnten vielleicht den Ausschlag dafür gegeben haben. Sein Nachfolger war aber nicht weniger linientreu. Es ist von dem ehemaligen Schüler Oskar Böhm, Pfaffenhausen, bezeugt worden, dass Feser ein scharfer Pg (= Parteigenosse) war, der vor heftigen Schlägen bei Schülern nicht zurückschreckte, wenn er nicht mit „Heil Hitler“ im Schulhaus gegrüßt wurde. Eigenartigerweise taucht aber in seinen Bekanntmachungen niemals mehr die Erinnerung an den „deutschen Gruß“ auf.


Dass er bei seiner Partei als außerordentlich tüchtiger Parteigenosse sehr geschätzt war, ist aus der hohen Auszeichnung zu ersehen, die in den losen Blättern am 1.9.1942 verzeichnet ist:


„H. Rektor Feser Philipp wurde mit dem Kriegsverdienstkreuz 2 Kl. ohne Schwerter auf Vorschlag der NSDAP Brückenau-Hammelburg ausgezeichnet.“ (lB)

Feser schrieb seine letzte Eintragung am 1. April 1942, in der er die Osterferien ankündigte. Aus den Ferien kehrte er nie mehr an die Schule zurück. Vermutlich musste er irgendeinen militärischen Dienst an der Front antreten. Forstmeister Hermann Bock teilte kürzlich mit, dass Feser als vermisst gemeldet wurde.


1.1.3 Stellvertretender Schulleiter Julius Seufert


Da sich auch der Stellvertreter des Schulleiters, R. Kamm, nicht mehr an der Schule befindet, werden ab dem 17.4.1942 die Schulleitergeschäfte in Vertretung von Julius Seufert geführt. Seine Einträge sind im Gegensatz zu Müller in bestechender kalligraphischer Form sowohl in deutscher als auch in lateinischer Schrift verfasst.

Seufert hatte sich 1936 große Verdienste um die Heimatgeschichte durch die Sicherung eines Grabfundes am Hammelberg aus der Merowingerzeit gemacht. Damit hätte er bei den Nationalsozialisten, die auf die germanische Geschichte so stolz waren, große Meriten erwerben können. Aber ohne Parteizugehörigkeit war im 3. Reich keine Ehre einzulegen bzw. eine Beförderung nicht möglich. Bemerkenswert ist, dass er – im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen – nach dem Krieg gleich wieder den Dienst antreten durfte, sobald der Unterricht im Oktober 1945 an der Volksschule Hammelburg aufgenommen wurde. Politisch war er eben nicht belastet.

Dass er auch vorsichtig wider den Stachel löckte, berichtet sein ehemaliger Schüler und späterer Stadtrat Oskar Böhm aus Pfaffenhausen: „Herr Lehrer Seufert hat gern mit uns so ein unpolitisches Lied wie ‚Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit …’ gesungen. Dazu bemerkte er: ‚Die da oben wollen es wohl nicht gern hören. Aber es ist doch ein schönes Lied’.“


Er führte die Schule in den schwierigen Tagen der Kriegszeit und setzte sich in den Nachkriegstagen unter persönlichem Einsatz für den Erhalt des Schulgebäudes ein. Ganz plötzlich verstarb er Ende 1945. Sein Nachfolger Held hat das Wirken Seuferts in einem beeindruckenden Nachruf gewürdigt.


Ein Trauerfall. Am 9. Dezember 1945 verstarb

  Hauptlehrer Julius Seufert, 

z. Zt. Lehrer der 3. Knabenklasse and der hiesigen Volksschule. Bis ihn starke Ohrenschmerzen zwangen zu Bett zu gehen, hielt er treu im Dienste aus. Sein Dienst endigte nie mit Schluß der Unterrichtszeit, ihn konnte man noch in den Abendstunden im Schulhause finden, zumal als Schulleiter während des Krieges. In der schlimmen Zeit von Ende März bis zur Wiederaufnahme des Unterrichts im November 1945 war er der unermüdliche, selbstlose Hüter des Schulhauses und seiner Einrichtung. Konnte er auch nicht allen Schaden verhüten, so ist es doch ihm allein zu verdanken, dass nur ein Teil der Schulbänke, Tafeln, Pulte, Zimmertüren und Stühle von den Besatzungen des Hauses verfeuert worden ist, und somit überhaupt die Wiederaufnahme des Schulbetriebes möglich war. Er holte aus Hundsfeld fuhrenweise trockenes Holz heran, um an Stelle von Schulbänken etc. Brennmaterial zur Verfügung zu stellen, er deckte in Hundsfeld Ziegeln ab und deckte allein das schwer beschädigte Dach des Schulgebäudes um. Bis zuletzt half er, wo nur immer möglich, die glaslosen Fenster notdürftig zu verschließen, und wahrscheinlich ist, dass bei all den wochenlangen Arbeiten im zugigen Schulhause sein bisher harmloses Ohrenleiden bösartig wurde und nach kurzem Kranksein zum raschen Tode führte.

Seufert war 53 Jahre alt; an der hiesigen Schule wirkte er 26 Jahre lang. Sein Leben war ein sorgenreiches. Ihm als einem der treuesten und fleißigsten Kameraden bewahren alle, die ihn kannten, ein warmes Gedenken und wünschen ihm den ewigen Frieden. R. I. P.“


Übrigens konnte Seufert nur deshalb das genannte Material holen, weil das abgesiedelte Dorf Hundsfeld im Truppenübungsplatz lag und nach dem Krieg vom Landkreis zur Enttrümmerung freigegeben worden war. Windheim und Hammelburg sollten damit ihre Kriegsschäden beseitigen.

Der Lehrer Karl-Heinz Maul, der sich intensiv mit der Zeit des 3. Reiches in Hammelburg beschäftigt, bemerkt dazu:


„Herr Seufert war auch bei jüdischen Schülern anerkannt. Er enthielt sich jeglicher diskriminierender Äußerung. Arnold Samuels besuchte jedes Mal bei seinen Hammelburgaufenthalten das Grab seines ehemaligen Lehrers.“ [Der ehemalige Hammelburger Samuels, ein jüdischer Mitbürger, lebt heute in den USA.]