Hammelburger-Album

3.2 Winterliche Leibesübungen


Deutschland war und ist ein rohstoffarmes Land. So viel Material wie möglich wurde schon vor dem Krieg in die Rüstung gesteckt, für die Kriegsvorbereitung benötigt. Dass dann der Krieg erst recht zu Mängeln und Engpässen auf vielerlei Gebieten führte, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Dass dies aber schon im ersten Kriegsjahr geschah und dass davon auch der Schulbetrieb in Hammelburg betroffen war, mag erstaunen. Jedenfalls musste Schulleiter Feser am 13.1.1940 folgendes mitteilen:

  

Betreff: Wanderungen, winterliche Leibesübungen.

Der Herr Bürgermeister hat mich gebeten zu veranlassen, dass vorläufig die Schulklassen in der Zeit des Krieges von Wanderungen, Rodeln, Schlittschuhlaufen Abstand nehmen. Viele Eltern haben sich in dieser Angelegenheit beschwerdeführend an ihn gewandt, weil durch diese Übungen das Schuhwerk angeblich zu stark abgenützt und beschädigt werde. Eine ausreichende Zuteilung von Bezugsscheinen für Schuhe an die Schüler kann der Bürgermeister vorerst nicht vornehmen, da infolge des niedrigen Verteilungsschlüssels in erster Linie die Arbeiter berücksichtigt werden müssen.

Ich bitte also – vorbehaltlich der Genehmigung durch das Bezirksschulamt – diese Übungen vorläufig nicht durchzuführen.

Wegen der Benützung der Turnhalle in der Landwirtschaftsschule bitte ich um Angabe Ihrer Turnstunden.“ (II, 48)


Wer die schuhmordenden Schlittschuhe jener Zeit kennt – nicht ohne Grund worden sie als „Absatzreißer“ apostrophiert – kann die Klagen der Eltern verstehen. Auch das Schlittenfahren forderte seinen Tribut vom Schuhwerk. Dass aber sogar Wanderungen die Schuhe stark abnützen würden, weist auf die ziemlich desolate Versorgungslage hin. Es war eben kein Ersatz zu bekommen, da die Schuhe und andere notwendige Artikel zugeteilt wurden.

 

3.3 Umgang mit Kriegsgefangenen


Kriegsgefangene waren gefangene Feinde, die in Lagern leben mussten. Vielfach war man aber auf ihre Mithilfe in der Industrie, in der Landwirtschaft oder in handwerklichen Betrieben angewiesen. Dabei sollten deutsche Bürger natürlich auf Distanz zu diesen Leuten bleiben. Schließlich waren dies Feinde, Leute, die einmal auf unsere Soldaten geschossen hatten. Dass dies umgekehrt auch so war, wurde unterschlagen.


Weil sie Feinde waren, sollten die Kontakte mit Kriegsgefangnen nur auf das Notwendigste beschränkt bleiben. Den Schülern waren natürlich die einschlägigen Vorschriften bekannt. Dafür sorgten schon die Partei, die Polizei, die Schule. Dennoch entwickelten sich offensichtlich mitmenschliche, teilweise sogar freundschaftliche Beziehungen zwischen den Gefangenen und den Schülern, sicher auch den Erwachsenen. Die Schulleitung sah sich daher gezwungen, Folgendes zu verordnen.


6. Juli 1940: „Betreff: Umgang mit Kriegsgefangenen.

Ich bitte die Schüler und Schülerinnen der Volksschule und ländlichen Berufsschule eindringlich über den Umgang mit Kriegsgefangenen zu belehren. Es ist verboten, daß die Schüler und Schülerinnen für die Gefangenen Einkäufe und Erledigungen machen. Feser“ (II, 60)


So etwas ging nach damaliger Meinung natürlich zu weit und musste unterbunden werden. Doch deutet diese Anordnung auf ein vielfach recht gutes Verhältnis zu den Gefangenen hin und dass einzelne Schüler mitunter nicht gewillt waren, sich allen Vorschriften zu beugen.


27.1.1945: „Zur Bekanntgabe in den Klassen.

Es ist bekannt geworden, dass ein Schüler bei einem Kriegsgefangenen Schokolade gegen ein Messer eingetauscht hat. Ich bitte freundlichst, erneut auf die Strafbarkeit des Verkehrs u .Umgangs mit Kriegsgefangenen hinzuweisen. I. V. Scheier“ (II, 143)


Immerhin kann man aus dieser Lappalie erkennen, dass andererseits ganz offensichtlich das Denunziantentum – oder war es Neid? – in der Bevölkerung und wohl auch unter den Schüler verbreitet war, wenn so etwas der Schule angezeigt worden ist.

Wo die Kinder mit den Gefangenen Kontakt aufnehmen konnten, ist aus den Unterlagen nicht zu erfahren. Jedoch soll sich ein Lager für serbische Offiziere in der Saaletalstraße im späteren BRK-Haus befunden haben, der ehemaligen Gerberei Happ. Auf die frühere Gerberei deutete der Thulbakanal hin, der durch das Koppesland zum Happschen Anwesen vorbei an dem Fernsehgeschäft Schumm führt. Heute ist der Kanal zugeschüttet.