Hammelburger-Album

 

3.4 Schüler aus luftgefährdeten Gebieten und Umsiedler

Im Krieg wuchs die Schülerzahl in Hammelburg sehr an, denn Kinder aus den verschiedensten deutschen Gebieten wurden hierher gebracht und gingen hier zur Schule. Weil der ländliche Raum relativ sicher vor Luftangriffen war, kamen Kinder aus „luftgefährdeten Gebieten“ häufig aufs Land.


In der Nähe des alten Sportplatzes, heute „Am Gericht“ genannt, wurden RAD-Baracken aufgestellt [RAD = Reichsarbeitsdienst]. Da in ihnen hauptsächlich Kinder aus Düsseldorf mit ihren Müttern untergebracht waren, nannte man diese kleine Ansiedlung kurzerhand „Düsseldorfer Siedlung“. Einige dieser Baracken standen noch in den Siebzigerjahren. Beliebt waren diese Großstadtkinder zumeist nicht. Sie ihrerseits werden sich aber in diesem ländlichen Raum auch nicht wohlgefühlt haben. Wegen der Zerbombung ihrer Städte konnten sie nach dem Krieg auch nicht gleich in ihre Heimat zurück.


Ebenso waren Umsiedler hier, Volksdeutsche. So zogen am 1. Juli 1942 die „Dobrudscha-Schüler“ (II, 90) fort, und im Dezember 1942 wurden 33 „Litauer Kinder“ (II, 100) erwähnt. In den losen Blättern steht:

 Schuljahr 1942/43

begann am 2. September.

Gesamtschülerzahl: 419 (ausschl. Litauer)

Die litauischen Kinder wurden v. Lehrer Naujocs u. Januscis geführt, sie traten zum Schuljahresbeginn in die hiesige Schule ein.“


Trotz des Filmes „Wolgadeutsche“ war das Verhältnis zu den Umsiedlern nicht ungetrübt, wie ein Eintrag im November 1943 zeigt, in dem der Schulleiter Seufert Hammelburger Schüler zur Ordnung ruft:


„An alle Lehrkräfte.

Betreff: Beschimpfung der Umsiedlerkinder.

Verschiedene Klagen der neueingetroffenen Umsiedler veranlassen mich folgendes bekanntzugeben:

         Ich bitte jede Lehrkraft in ihrer Klasse darauf hinzuweisen, daß die neueingeschulten Umsiedlerkinder nichts mit unseren Feinden, den Russen, zu tun haben, sondern deutschen Blutes sind. Diese Leute hat das Schicksal in früheren Zeiten in fremdes Land verschlagen. Eine Beschimpfung, wie Russen, Ukrainer, Litauer, hat zu unterbleiben u. wird in Zukunft schwer bestraft. Im Gegenteil, diese Leute habe (sic!) schwere Opfer gebracht. I. V. Seufert“ (II, 123)


Am 17.11. 1943 betrug die Zahl der Schüler

     aus luftgefährdeten Gebieten:   92

                     die der Umsiedler:                      23

 
Im Januar 1945 wurde dem Schulrat die Zahl der Schüler aus luftgefährdeten Gebieten gemeldet. Die Zahl hatte sich ganz erheblich vergrößert. Es ergab sich diese Statistik:



        Reg.-bezirk Düsseldorf:          115           Köln:                   3

        Reg.-bezirk Wiesbaden/Ffm:    19           Pirmasens:        32

        Stadt Berlin :                             3           Ludwigshafen:    --

        Stadt Hamburg:      3  Saarbrücken: 5

        Schweinfurt:                          16                Speyer:                3

        München:                                  4           Aschaffenburg:   3

        Nürnberg:                                 5           Stuttgart:           4

        Mannheim:                                5           Bezirk Trier:        1

        Augsburg:                                 2           Aachen:              5

        Dortmund:                                2           Ostpreußen:       1

        Mainz:                                      1

        ______________________________________________________

                                                               Insgesamt               232

 
Welch armseliges Leben die gerade von einigen Hammelburger Schüler gehänselten Umsiedler führen mussten, geht aus einer Notiz von Seufert zum Weihnachtsfest 1944 hervor:


„Um den Kindern der Volksdeutschen Mittelstelle im Hotel Post u. Kloster Altstadt eine kleine Weihnachtsbescherung bereiten zu können, werden die Schüler ersucht, eine Kleinigkeit an Äpfeln u. Plätzchen zu bringen. Es ist noch vom vorigen Jahr in guter Erinnerung, wie die Schüler gerade für diese armen Kinder gespendet haben, Die Schüler möchten etwas Obst in der Schule abgeben.“ (II, 140)