Hammelburger-Album

  4. Sammlungen


Das rohstoffarme Deutsche Reich war im Krieg von zahlreichen Importmöglichkeiten abgeschnitten. Auch die rücksichtslose Ausplünderung der Ressourcen in den besetzten Gebieten des Westens und des Ostens konnte nicht genügend Ausgleich schaffen. So musste in der Heimat alles gesammelt werden, was gerade noch entbehrlich war bzw. was die Natur schenkte. Besonders die Schulkinder wurden zu solchen Tätigkeiten herangezogen. Mehr als 20 Bekanntmachungen betreffen die verschiedensten Sammlungen.


4.1 Heilkräutersammlungen


Da für die ärztliche Versorgung der Bevölkerung chemische Medikamente knapp waren, Heilkräuter in der Medizin zudem noch eine größere Rolle spielten und Hammelburgs Fluren zahlreiche Kräuter boten, wurden die Kinder immer wieder zu Sammlungen aufgefordert. Am 23.4.1942 erging folgender Aufruf:


„Mit dem Sammeln von Heil- und Teekräutern muß jetzt schon begonnen werden. Es sind in diesem Monat zu sammeln Huflattichblüten, Schlüsselblumenblüten, Schlehenblüten, Gänseblümchen. (Schulanz. Nr. 4, S. 92)

Frl. Kollmayr mit ihrer Klasse wird das Trocknen und Verschicken der gesammelten Heilkräuter übernehmen.“ (II, 83)


Am 4.5.1942 wird der Aufruf ergänzt:

„Nach einem Rundschreiben haben sich sämtliche Schulen an der Sammlung zu beteiligen u. jede Lehrkraft soll sich mit ihrer Klasse für die Sammlung einsetzen.

Es sollen jetzt Schlüsselblumenblüten (ausgezopft) und nicht die ganzen Blütendolden, u. nicht Schlehenblüten gesammelt werden.

Ablieferung: Montag u. Donnerstag.“ (II, 85)


Auch im September wird wieder für die Sammlung geworben:


Betreff: Sammeln von Heilkräutern. Gerade jetzt bietet die Natur noch eine reiche Ernte an Blättern, Blüten u. Kräutern. Wir erreichen nur dann unsere Lieferpflicht, wenn wir in diesen Monaten noch tüchtig sammeln. Gesammelt werden jetzt Brombeer- u. Himbeerblätter, später Hagebutten Kastanien.

Gute Leistungen werden mit Auszeichnungen belohnt.“ (II, 93)


Sogar die Kartoffelferien, 1. – 6.10. 1942, sowie den 1. Mai 1944 sollten die Schüler für das Sammeln von Heilkräutern verwenden. Wie wichtig diese Tätigkeit auch von den vorgesetzten Stellen genommen worden ist, geht aus der Verlautbarung vom 19.4.1943 hervor. Jetzt durften auch Unterrichtsstunden dafür verwendet werden.


„Für unsere Soldaten an der Front sollen auch in diesem Jahre wieder Heilkräuter gesammelt werden. Es blühen jetzt die Schlehen in reichem Maße und bitte die Zeit zum Sammeln auszunützen. Nach Aussprache mit H. Schulrat dürfen auch die Naturkunde- u. die Turnstunden dazu benutzt werden, damit wir wieder ein gutes Ergebnis erzielen. Die Schlehenblüten werden auch gut bezahlt.“  (II, 107)


[Anmerkung: In Rothenbuch hing noch 1965 in der Schule eine große Landkarte mit dem schriftlichen Vermerk: „Angeschafft aus dem Erlös der Heilkräutersammlung von 1943/44“]


Aus den Bekanntmachungen ist zu entnehmen, was alles gesammelt werden musste:

-         Brombeerblätter

-         Himbeerblätter

-         Erdbeerblätter

-         Kamille

-         Schlüsselblumenblüten 

-         Huflattichblüten

-         Gänseblümchen

-         Zinnkraut

-         Pfefferminz

-         Taubnesselblüten 

-         Schafgarben

-         Spitzwegerich

-         Holunderblüten

-         Holunderbeeren

-         Hiffen/Hagebutten

-         Schlehenblüten

-         Kastanien

 Unter dem 1.5.1941 werden einmal in den losen Blättern die folgenden beachtlichen Zahlen genannt, die sich während des Krieges sicher noch gesteigert haben:


„Ergebnis der Kräutersammlung/


Getrocknetes Sammelgut =         181 kg

Getrocknete Kastanien    = 575 kg“


Anton Ruppert erinnert sich aber noch an eine weitere Aufgabe der Schüler: Im Dachgeschoss der Schule wurden Seidenraupen gezüchtet. Die gewonnene Seide sollte zu Fallschirmen für die Luftwaffe verarbeitet werden. Eine Lehrerin betreute mit Schülern die Zucht. Die Schüler mussten Maulbeerblätter für die Raupen sammeln.


Die Kollegin Antonie Merz, Hammelburg, erzählte, dass sie mit ihren Schülern die „Kuhschludde“ sammeln musste. Es handelte sich um die giftige Herbstzeitlose (chochicum autumnale), die den Kühen angeblich gefährlich werden konnte.

 

4.2 Altstoffsammlungen


Wenn man liest, wie eindringlich immer wieder zum Sammeln von Altstoffen aufgerufen wurde und wenn man vor allem sieht, was alles gesammelt wurde, so kann man sich leicht die prekäre Versorgungssituation in Deutschland vor Augen halten. Der Sammeleifer scheint hier aber nicht immer den Vorstellungen der Vorgesetzten entsprochen zu haben. Anordnungen wie diese von 17.12.1941 kehren öfter wieder:


„Da bis jetzt in diesem Jahresviertel nur ganz wenige Altstoffe zur Ablieferung kamen, findet heute – wie bereits am Samstag bekanntgegeben – eine Altstoffsammlung statt. Eine Einteilung in Straßen erfolgt nicht. Ablieferungszeit zwischen 3 und 5 Uhr nachm. im „Katzenhaus“. Die Schüler melden ihr Sammelergebnis den Klaßlehrer.“ (II, 80)


Ein halbes Jahr später wurde die Sammlung straffer organisiert:


Betreff: Altkleider- und Spinnstoffsammlung am Samstag, den 6. u. Samstag den 13.Juni

Am Samstag wird die Spinnstoffsammlung dahier durchgeführt. Die Lehrkräfte sollen die Schüler darauf aufmerksam machen, dass die Eltern daheim alte Kleider u. Lumpen zusammensuchen sollen, die dann am Samstag um 4 Uhr abgeholt werden. Lt. Anordnung des Ortsgruppenleiters müssen wir 65 Schüler mit Handwagen u. Waschkörben abstellen. Es stellen ab

4.5. u. 6 u. 7. Jahrgang je 15 Schüler auf einer Liste.

4 Uhr im Schulhof antreten.“ (II, 87)


Ende 1943 wirbt die Schule noch einmal intensiv für die Altstoffsammlung, wobei Belohnungen versprochen werden:


„Betreff: Altstoffsammlung

Da wir in den letzten Monaten ganz wenig Altmaterial gesammelt haben, ist für heute Mittag ab 2 Uhr

         eine verstärkte Altstofferfassung zum Jahresende

vorgeschrieben. Die Durchführung dieser Altstoffsammlung ist von oben angeordnet u. ich erwarte, daß sich nach den Ausführungen des H. Landrats bei der letzten Konferenz jede Lehrkraft dafür einsetzt. Es werden gesammelt: Altpapier, Eisen, Lumpen, Knochen. Für besonders gute u. fleißige Sammler werden Belohnungen abgegeben. (Siehe beiliegendes Rundschreiben) Außerdem erhalten kleinere Sammler Bleistifte, Federhalter, Farbstifte. Jede Lehrkraft stellt listenmäßig fest, was gesammelt wurde und meldet das Ergebnis zur 3. Jahresdrittelmeldung.“ (II, 124)


Waren schon die Belohnungen eher bescheiden, so darf man sich die Menge der verteilten Geschenke auch nicht sehr groß vorstellen. Immer wieder musste der Sammeleifer neu entfacht werden, sollten die Sammelergebnisse gesteigert werden. So ordnete beispielsweise das Wirtschaftsamt am 18.4.1944 einen Wettstreit an:


„Das Wirtschaftsamt hat einen Wettstreit im Sammeln von Altpapier, Knochen u. Lumpen angeordnet. Beiliegendes Rundschreiben wolle in den einzelnen Klassen bekanntgegeben werden.“ (II, 128)


Im Juli 1944 sollten die 4 besten Sammler jeder Klasse belohnt werden.


„Die 4 besten Sammler jeder Klasse sollen auch dieses Jahr belohnt werden und bitte diese auf beiliegender Liste einzutragen.“ (II, 133)


Folgendes Altmaterial wurde gesammelt: 

-         Altkleider

-         Schuhe

-         Altpapier

-         Eisen

-         Knochen 

-         Weinflaschen

-         Wäsche

-         Stiefel

-         Bücher

-         Lumpen 

-         Stanniol

-         Gummi 

In den losen Blättern findet sich folgender Eintrag:


„Ergebnis der Altmaterialerfassung/


In der Zeit vom 28. März bis 17. Juli 1 941wurden von den Volksschülern folgende Altstoffe gesammelt: 

Altpapier:          2701,5   kg

Alteisen:             5390       

Stanniol:                 50,75  

Lumpen:             1050,75  

Altgummi:              12       

Sonstiges:              36            

Eine außergewöhnliche Sammlung wurde im September oder Oktober 1943 durchgeführt:


„Für unsere Verwundete in den Lazaretten werden zur Unterhaltung alte (wenn auch zerbrochene)Schallplatten dringend benötigt. Die Kinder sollen daheim nachschauen u. diese morgen mitbringen. Hauptl. Hartung holt sie bei uns ab u. tauscht dafür neue ein. Es gilt als Spende für unsere verwundeten Soldaten.“
(II, 118)


Noch ein Spendenaufruf vom 2.2.1945 ist erwähnenswert:


„Aus besonderen Gründen darf bis auf weiteres kein Kind das hier errichtete Lazarett besuchen.

Erwünscht ist, dass für die Verwundeten Beschäftigungsspiele (Halma, Schach u. dgl. auch Kartenspiele) gespendet würden. Annahme in der Schule.“ (II, 143)


4.3 Schädlingsbekämpfung


Die deutsche Bauernschaft – meist nur noch aus Frauen, alten Männern, Kriegsuntauglichen und Kriegsgefangenen bestehend – hatten alle Hände voll zu tun, um einigermaßen die Ernährung der Bevölkerung zu gewährleisten. Da sollte möglichst wenig verderben oder von Schädlingen vernichtet werde. Wo einfache Helferdienste notwendig waren, wurde ebenfalls die Schuljugend herangezogen. Am 9.5.1940 erließ der Schulleiter folgenden Aufruf:


„An die Schüler der Klassen 4 mit 8.

Betreff: Bekämpfung der Herbstzeitlosen.

Sämtliche Schüler und Schülerinnen der Klassen 4 mit 8 (außer den Wiederimpflingen!) haben heute nachm. ¾ 2 Uhr klassenweise im Schulhof zur Bekämpfung der Herbstzeitlosen anzutreten. Ein entsprechendes Gerät zum Ausstechen der Herbstzeitlosen ist mitzubringen.

         Da es sich um eine Maßnahme für die Landwirtschaft handelt, können in der Landwirtschaft tätige Kinder an diesem Nachmittag nicht beurlaubt werden.

         Ich mache darauf aufmerksam, dass es sich hier für die Schüler und Schülerinnen um einen Kriegsdienst handelt und die Teilnahme Pflicht ist.

         Die in Frage kommenden Klaßlehrkräfte bitte ich beim Antreten zur Festlegung der Einteilung und Versäumnisse anwesend zu sein. Feser! (II, 57)


Dass die Herbstzeitlose – im Volksmund „Kuhschludde“ genannt – zwar eine giftige Pflanze ist, ist bekannt. Das Vieh frisst sie aber nicht. Deshalb ist der Sinn dieser Bekämpfung rätselhaft. Andererseits wurde von ehemaligen Schülern berichtet, dass sie nach dem Krieg Herbstzeitlosen für medizinische Zwecke sammeln mussten. Die Herbstzeitlose – botanisch colchicum autumnale – bzw. ihre Inhaltsstoffe sind auch heute noch ein wirksames Mittel gegen die Gicht. Sollte da Herr Seufert etwa sich vertan haben mit dem Ausdruck „Bekämpfung“?


Eine weitere Plage stellten die Kartoffelkäfer dar. Für die Sommerferien 1942 wurde daher am 11.7.42 bestimmt:


„Bitte Schülerlisten u. Ferienadressen bei mir abgeben; ebenso eine Schülerliste für den Kartoffelkäfersuchtag, der jeweils am Freitag in jeder Woche ist. Die Schüler der oberen Jahrgänge haben daran teilzunehmen (5. bis 7. J) Um ¾ 6 Uhr Antreten am Marktplatz! I. V. Seufert“ (II, 91)


Wie erfolgreich dieser Ferieneinsatz war, kann man am 2.9.1942 nachlesen:


„Betreff: Kartoffelkäferbekämpfung


„Da sich die Schüler am letzten Suchtag sehr spärlich eingefunden haben, hat H. Bürgermeister angeordnet, daß heute um 10 Uhr sämtliche Schüler vom 5. Schuljahr ab zum  Kartoffelkäfersuchen antreten.

Da im Nachbarbezirk Kartoffelkäferlarven gefunden wurden, ist deshalb notwendig, daß mit größter Gewissenhaftigkeit und Vorsicht nach diesem Schädling gesucht wird. I. V. Seufert“ (II, 93)